Ein Interview zum neuen Wehrdienst aus der GEW-Zeitung b&w Ausgabe 4/2026 mit unserem Landesvorsitzenden Klaus Pfisterer.
Klaus Pfisterer ist GEW-Mitglied und Landesvorsitzender der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegnerlnnen. Er berät seit fast 50Jahren Kriegsdienstverweigerer. Im Interview berichtet er über den Neuen Wehrdienst und erklärt, was junge Männer beachten sollten.
Corinna Blume: Was möchte Verteidigungsminister Boris Pistorius mit dem Neuen Wehrdienst erreichen?
Klaus Pfisterer: Pistorius möchte Deutschland wieder kriegstüchtig machen, allerdings fehlen ihm dazu die notwendigen Soldatinnen und Soldaten. Trotz massiver Werbung steigt die Zahl der Soldatinnen und Soldaten nicht wie gewünscht. Das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz soll drei Ziele erreichen.
Erstens möchte man herausfinden, wie viele Wehrpflichtige es gibt. Zweitens möchte man deutlich mehr Freiwillige gewinnen und drittens strebt man womöglich eine sogenannte Bedarfswehrpflicht an. Wenn sich nicht genügend Freiwillige finden, kann die Bedarfswehrpflicht gelten. Sie wird jedoch nicht automatisch aktiviert. Darüber muss der Bundestag mit einem Gesetz entscheiden.
Der Neue Wehrdienst enthält jetzt schon Pflichtelemente. Männer, Frauen und Personen mit anderem Geschlecht werden ab dem Geburtsjahrgang 2008 von der Bundeswehr angeschrieben. Männer müssen die verpflichtende Bereitschaftserklärung mittels Fragebogen ausfüllen und zurückschicken. Frauen und Personen mit anderem Geschlecht können sich auf freiwilliger Basis für den Neuen Wehrdienst bewerben. Die Musterung wird wieder eingeführt und ab dem 1. Juli 2027 für alle jungen Männer wieder verpflichtend.
Die jungen Männer ab dem Geburtsjahrgang 2008 müssen eine Bereitschaftserklärung abgeben.
Wie können sie damit umgehen?
Das Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr darf Daten Wehrpflichtiger abrufen. Es ist nicht mehr möglich, der Datenweitergabe zu widersprechen.
Ab Januar 2026 erhalten 650.000 Männer und Frauen des Geburtsjahrganges 2008 ein Schreiben von der Bundeswehr und werden aufgerufen, einen Fragebogen auszufüllen. Voraussetzung ist, dass sie die deutsche Staatsbürgerschaft und einen Wohnsitz in Deutschland haben. Mit dem Fragebogen soll die Bereitschaft zum freiwilligen Wehrdienst abgefragt werden.
Entscheidend ist die Frage nach dem Interesse am Wehrdienst. Hier gibt es eine Skala von Null bis Zehn. Wer die Null ankreuzt, für den ist der Fragebogen an dieser Stelle beendet und muss nur noch abgeschickt werden.
Wer den Fragebogen nicht ausfüllt und zurücksendet, begeht eine Ordnungswidrigkeit und es droht ein Bußgeld. Wer diesen Weg gehen möchte, sollte das nicht alleine machen und sich eine Gruppe oder einen Unterstützerkreis suchen. Nur so kann die Aktion öffentlichkeitswirksam werden.
Hat man schon verweigert, wenn man das Interesse am Wehrdienst verneint hat?
Der Fragebogen zur Wehrerfassung hat mit der Kriegsdienstverweigerung nichts zu tun. Wer für den Staat weder kämpfen noch töten möchte, sollte jetzt einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung stellen.
Wer kann einen Antrag stellen?
Einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung können Wehrpflichtige ab 17 ½ bis 60 Jahren beim Bundesamt für Personalmanagement der Bundeswehr stellen. Rechtsgrundlage für die Kriegsdienstverweigerung ist Artikel 4, Absatz 3 des Grundgesetzes:
„Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz (Kriegsdienstverweigerungsgesetz – KDVG).“
Die Zahl der Kriegsdienstverweigerer hat sich von 2024 auf 2025 mit 7.691 Anträgen mehr als verdoppelt. Das bringt die Bundeswehr nicht in Personalschwierigkeiten und eine hohe Zahl von Kriegsdienstverweigerern wird auch keinen Krieg verhindern können. Trotzdem zeigt die Steigerung, dass viele Menschen zu keinem Kriegseinsatz bereit sind und ein politisches Zeichen setzen.
Ich rate dazu, sich vor einer Verweigerung rechtzeitig zu informieren, die Begründung und den Lebenslauf mit einer Beratungsstelle zu besprechen und alle Fristen einzuhalten. Dann wird man problemlos als Kriegsdienstverweigerer anerkannt. Ich warne davor, Inhalte aus dem Internet oder KI-generierte Schreiben zu übernehmen. Die werden meistens erkannt und als unzulässig abgelehnt.
Müssen sich junge Männer mustern lassen?
Die Musterung wird wieder eingeführt und die Zwangsmusterung von jungen Männern soll ab dem 1. Juli 2027 erfolgen, sofern bis dahin die Musterungskapazitäten aufgebaut sind. Gemustert werden soll dann in acht bestehenden Karrierecentern und 24 neuen Musterungszentren in Großstädten.
Findet Pistorius genügend Freiwillige? Was ist deine Einschätzung?
Das ist schwer vorherzusagen. Letztlich wird es von zwei Faktoren abhängen – ob sich genügend junge Menschen für den freiwilligen Wehrdienst melden und ob sie dafür geeignet sind.
In den letzten Jahren hatte die Bundeswehr jährlich mehr als 50.000 Bewerbungen, jedoch gab es nur rund 18.000 Einstellungen. Die Mehrzahl der Bewerber*innen scheiterte bei der Musterung, der Eignungs- und Verwendungsprüfung oder der Sicherheitsüberprüfung durch den Militärischen Abschirmdienst (MAD). Sie waren also körperlich, geistig und charakterlich nicht für die Bundeswehr geeignet.
Diejenigen, die Pistorius gerne hätte, haben hingegen kein Interesse am Wehr- oder Kriegsdienst und suchen sich gut bezahlte Jobs in der freien Wirtschaft.
Das Interview führte Corinna Blume
Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegnerinnen:
Wir kommen gerne auf Einladung in Schulen und informieren über das Thema, sofern wir in der Region eine*n Mitarbeiter*in haben. Dafür berechnen wir eine kleine Aufwandsentschädigung. Interessierte wenden sich bitte an Jonas Fehrenbach: ba-wue@dfg-vk.de.









