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Allgemein

15 Juni, 2026

Bundesregierung erklärt Zahlen zur Kriegsdienstverweigerung zur Staatsgeheimsache

DFG-VK kritisiert beispiellosen Angriff auf Transparenz bei der Ausübung eines Grundrechts

Stuttgart, 15.6.2026 – Die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) kritisiert die Weigerung der Bundesregierung, aktuelle Zahlen zur Kriegsdienstverweigerung offenzulegen (siehe https://dserver.bundestag.de/btd/21/062/2106256.pdf). In ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage verweist die Bundesregierung erstmals darauf, dass die Veröffentlichung entsprechender Daten das „Staatswohl“ gefährden könne.

„Das ist ein neuer Tiefpunkt staatlicher Intransparenz“, erklärt Cornelia Mannewitz, Bundessprecherin der DFG-VK. „Wir reden hier nicht über geheime Einsatzpläne, Waffensysteme oder militärische Fähigkeiten. Es geht um Menschen, die von ihrem Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung Gebrauch machen.“

Noch vor wenigen Monaten wurden entsprechende Zahlen regelmäßig veröffentlicht. So teilte die Bundesregierung auf parlamentarische Anfragen detailliert mit, wie viele Menschen Kriegsdienstverweigerungsanträge gestellt hatten. Für das Jahr 2024 wurden beispielsweise 2.998 Anträge genannt, im Jahr 2025 betrug die gemeldete Anzahl eingereichter Anträge bereits 7.691.

Die DFG-VK hält die nun vorgebrachte Begründung für politisch hochproblematisch. Wenn bereits Informationen über die Inanspruchnahme eines Grundrechts als sicherheitsrelevant eingestuft werden, verschiebt sich die Grenze dessen, was einer demokratischen Kontrolle zugänglich ist.

„Eine Demokratie muss aushalten, dass sichtbar wird, wie viele Menschen keinen Dienst an der Waffe leisten wollen. Wer die Zahl der Kriegsdienstverweigerer geheim hält, schützt nicht die Sicherheit des Landes, sondern verhindert öffentliche Debatten über die gesellschaftliche Akzeptanz von Militarisierung und Wehrdienst.“

Die Entwicklung ist besonders brisant, weil die Zahl der Kriegsdienstverweigerungsanträge zuletzt deutlich angestiegen ist. Nach Angaben wurden im ersten Quartal 2026 bereits 2.656 Anträge gestellt.

Für die DFG-VK steht fest: Das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung darf nicht politisch marginalisiert oder statistisch unsichtbar gemacht werden.

„Transparenz gefährdet nicht das Staatswohl. Eine Regierung, die Informationen über die Ausübung von Grundrechten zurückhält, gefährdet das Vertrauen in demokratische Institutionen.“

Die DFG-VK fordert die Bundesregierung auf, die bislang übliche Veröffentlichungspraxis wiederherzustellen und die Entwicklung der Kriegsdienstverweigerungszahlen vollständig offenzulegen.

Pressekontakt:
Yannick Kiesel (DFG-VK): kiesel@dfg-vk.de; +491578/3452092

Pressemitteilung der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen, Stuttgart, 15. Juni 2026

11 Juni, 2026

Zumach: Jünger, europäisch und auf keinem Auge blind – Voraussetzungen für ein Wiedererstarken der Friedensbewegung

Andreas Zumach    Wissenschaft & Frieden  Heft  2/2026  (Mai 26)

Jünger, europäisch und auf keinem Auge blind –

Voraussetzungen für ein Wiedererstarken der Friedensbewegung

Zusammenfassung: Deutschland erlebt die größte und gefährlichste Aufrüstung sowie die stärkste innergesellschaftliche Militarisierung seit 1945 mit gigantischen Kosten und Folgen für die Zukunft des Landes. Ähnliches geschieht in den meisten Mitgliedsstaaten der EU. Gegen diese gefährliche Entwicklung müssten viele Menschen demonstrieren und Widerstand leisten. Doch die deutsche Friedensbewegung brachte bei Demonstrationen der letzten Jahre nur wenige zehntausend Menschen die Straße. Was sind die Ursachen für diese Mobilisierungspleiten? Wie kann es der Friedensbewegung gelingen, erneut die Mitte der Gesellschaft zu erreichen? Überlegungen zur Bewegung aus der Mitte der Bewegung heraus.

In vielen friedensbewegten Zusammenhängen wird zu Recht anerkannt, welch große Mobilisierungsleistung die Friedensbewegung vor 40 Jahren erbrachte: Hunderttausende waren auf den Demonstrationen dieser Zeit. Bei der Erinnerung an die Aktionen und Erfolge der Friedensbewegung der 1980er Jahre kann es aber nicht um Nostalgie gehen, sondern um eine systematische Analyse der Bedingungen, die zu diesem Erfolg beigetragen haben. Natürlich sind die heutigen globalen, europäischen, innerdeutschen und medialen Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Mobilisierung aus der Friedensbewegung anders als vor 40 Jahren – in mancher Hinsicht ist die Ausgangslage komplizierter und schwieriger. Dennoch: vier Bedingungen, die damals erfüllt waren, sind meines Erachtens auch heute notwendige Voraussetzungen für ein Wiedererstarken der Friedensbewegung. Diese sind: Die Universalität der Forderungen und Argumente, eine alle Altersgruppen umspannende Bewegung, die die jüngeren Menschen mobilisieren kann, das Durchbrechen des sicherheitspolitischen Konsens und die Überzeugung, eine gesamteuropäische Bewegung sein zu wollen.

1)Friedensbewegung ist universalistisch oder gar nicht

»Die Waffen nieder!« – Bertha von Suttner verstand diesen 1889 in ihrem gleichnamigen Buch veröffentlichten Appell universalistisch. Sie bezog ihn auf alle Kriege, Kriegsdrohungen und -vorbereitungen, die damals weltweit stattfanden. Auch die Bewegung »Nie wieder Krieg«, die 1920 auf Initiative des »Friedensbundes der Kriegsteilnehmer« (darunter Carl von Ossietzky und Kurt Tucholsky) gegründet wurde, und die in den nachfolgenden Jahren unter diesem Motto Kundgebungen und Demonstrationen mit hunderttausenden Teilnehmer*innen organisierte, war universalistisch ausgerichtet. Dasselbe gilt auch für die Friedensbewegung der 1950er Jahre (»Kampf dem Atomtod«) wie für die Friedensbewegung der 1980er Jahre. Letztere demonstrierte am 10. Oktober 1981 in Bonn trotz aller Heterogenität und aller unterschiedlicher Positionen der vielen beteiligten Gruppen und Organisationen gemeinsam „Gegen die atomare Bedrohung in Ost und West“ sowie gegen „Geist, Logik und Politik der Abschreckung“, wie es im Aufruf und in den Reden des Tages hieß.

Doch genau diese überzeugte Haltung einer umfassenden und alle Parteien gleichermaßen für ihre Gewaltlogik kritisierenden Bewegung ist heute oft eine Minderheitsposition. Leider nicht universalistisch argumentiert beispielsweise die von einem Personenbündnis[i] getragene Initiative »Nie wieder Krieg – Die Waffen nieder!« (im Folgenden: die Initiative), die laut Selbstdarstellung auf ihrer Webseite von Ende 2025 „in den letzten 3 Jahren die Großdemonstrationen der deutschen Friedensbewegung gegen den Krieg in der Ukraine organisiert hat“ (Initiative 2025). Das stimmt allerdings in zweifacher Hinsicht nicht.

– Die bislang größte Demonstration und Kundgebung gegen Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine mit fast 500.000 Teilnehmer*innen am 27. Februar 2022 in Berlin wurde von anderer Seite veranstaltet.

– Die tatsächlich von der Initiative jeweils am 3. Oktober 2024 und 2025 organisierten Kundgebungen in Berlin und Stuttgart richteten sich keineswegs gegen Russlands Krieg gegen die Ukraine.

Am Beispiel von 2024 ist dies drastisch sichtbar: Sicherlich 80% des Aufruftextes (Initiative 2024a) zum 3. Oktober 2024 bestand aus zahlreichen, durchaus richtigen und wichtigen Kritikpunkten und Forderungen an die Adresse des »Westens« und der Bundesregierung. Die Ukraine wurde in dem Aufruf allerdings lediglich in den Sätzen „Verhandlungen zur sofortigen Beendigung des Krieges in der Ukraine!“ und „Keine Waffenlieferungen an die Ukraine!“ erwähnt (ebd.). Dass Russland diesen Krieg gegen die Ukraine führt, kommt in dem Aufruf nicht vor. Geschweige denn eine Benennung und Kritik dieses Krieges als völkerrechtswidrig. Oder gar ein Aufruf an die Regierung Putin, diesen Krieg zu beenden. Für die „Beschleunigung der Eskalation dieses Krieges“ wurde ausschließlich „der Westen – einschließlich der Bundesregierung“ verantwortlich gemacht. Interessanterweise wird diese Analyse von einer Initiative angestellt, deren Mitglieder alle völkerrechtswidrigen Kriege und sonstigen Völkerrechtsbrüche der USA, der NATO oder auch des kollektiven »Westens« in der Vergangenheit immer – und völlig zu Recht – scharf kritisiert haben.

In mehreren Verhandlungsrunden mit führenden Organisationen der Friedensbewegung (DFG-VK, IPPNW, Pax Christi, Ohne Rüstung Leben, Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden) weigerte sich – nach Auskunft von Vertreter*innen all dieser Organisationen – die Initiative beharrlich, auch nur irgendeine Formulierung zu Russlands Krieg gegen die Ukraine in den Aufruftext aufzunehmen. Abgelehnt wurde von der Initiative auch die Forderung nach „Schutz und Asyl für KriegsdienstverweigerInnen und DeserteurInnen aus Russland, Belarus und der Ukraine“. Daraufhin lehnten alle an den Verhandlungen beteiligten Organisationen eine Unterzeichnung des Aufrufs ab. Die DFG-VK begründete dies in einer ausführlichen Stellungnahme (DFG-VK 2024). Nach diesem Scheitern einer Verbesserung des Aufrufs lehnten auch mehrere von der Initiative angefragte Personen (darunter ich selbst, Margot Käßmann, Jürgen Grässlin und Günter Verheugen) einen Auftritt als Redner*innen bei der Kundgebung ab.

Die Initiative begründete ihre Haltung nach Auskunft von an den Verhandlungen über den Aufruftext beteiligen Personen damit, den Aufruf im Interesse einer breiten Mobilisierung offen und für alle politischen Richtungen anschlussfähig halten zu wollen – und damit auch bewusst für Putin-Sympathisant*innen, AFD-nahe und andere rechtspopulistische bzw. rechtsextreme Kreise. Daher lehnte die Initiative den Antrag ab, die folgende Formulierung in den Aufruf aufzunehmen: „Für Gruppen und Menschen aus dem nationalistischen, antidemokratischen oder rechtsextremen Spektrum und solchen, die mit ihnen zusammenarbeiten, ist auf der Aktion kein Platz – wir streiten für eine Welt, in der alle Menschen frei, friedlich und in Sicherheit leben können!“ Aber selbst dieses äußerst fragwürdige Kalkül ging nicht auf. An der Demonstration und Kundgebung nahmen maximal 15.000 Menschen teil – die Initiative blies diese Zahl auf  vermeintlich über 40.000 auf (vgl. Initiative 2024b). Der SPD-Politiker Ralf Stegner wurde ausgebuht und niedergeschrien, als er in seiner Kundgebungsrede den „völkerrechtswidrigen Krieg Russlands“ erwähnte (vgl. Beucker 2024).

Für die Kundgebung am 3. Oktober 2025 veröffentlichte die Initiative dann trotz der Kritik aus dem Vorjahr und trotz des misslungenen Mobilisierungserfolgs erneut einen Aufruf, in dem dieser Krieg nicht vorkam (Initiative 2025c). Die daraufhin erneut geführten Verhandlungen mit den oben genannten und weiteren Friedensorganisationen führten zwar zu einem gemeinsamen zusätzlichen Aufruf »Nie wieder kriegstüchtig« (Initiative 2025d) mit viel richtiger und notwendiger Kritik an westlicher Aufrüstung. Doch auch in diesem Aufruf wurde Russlands Krieg nicht konkret benannt. Man habe sich auf die Kompromissfomulierung „Wir lehnen alle Kriege ab“ geeinigt, verkündete DFG-VK-Sprecher Thomas Carl Schwörer nach Abschluss der Verhandlungen unter anderem auf einer Online-Beratung der DFG-VK Baden-Württemberg am 12.8.2025 (siehe DFG-VK Baden-Württemberg 2025).

Doch selbst dieser faule, ja feige Formelkompromiss wurde letztlich nicht eingehalten: Der schließlich veröffentlichte Aufruf benennt sehr konkret im Detail (und in der Sache völlig zutreffend) „die von immer mehr Staaten und Organisationen als Völkermord klassifizierte Kriegsführung (Israels) im Gazastreifen“. Die Bundesregierung wurde aufgerufen, „alles dafür zu tun, damit der Krieg, die Vertreibung der Palästinenser und PalästinenserInnen und der Einsatz von Hunger als Waffe umgehend beendet werden“. Andere Kriege fanden auf diese Weise keine gleichwertige Erwähnung und andere staatliche Gewaltakteure wurden auch nicht als problematisch benannt.

Auch die beiden Aufrufe zum 3. Oktober 2025 brachten – wie schon ein Jahr zuvor – viel weniger Menschen auf die Straße, als angesichts von Hochrüstung und innergesellschaftlicher Militarisierung dringend notwendig wären: maximal 12.000 in Berlin (von den Veranstalter*innen erneut deutlich höher mit 20.000 angegeben, (vgl. Initiative 2025e) und rund 15.000 in Stuttgart. Das anvisierte breite Spektrum von Menschen, die in Kirchen, Gewerkschaften, Berufsverbänden und anderen gesellschaftlichen Institutionen verankert sind, wurde von den Aufrufen eben nicht mobilisiert. Die Medien schenkten den Kundgebungen sowohl im Vorfeld als auch in der Berichterstattung noch weniger Aufmerksamkeit als im Vorjahr. Selbst aus der Politik fühlte sich diesmal niemand auch nur zu einem kritischen Kommentar herausgefordert – so unbedeutend war der Druck, der von »der Straße« ausging.

Das alles war voraussehbar. Denn mit der Einseitigkeit und den Doppelstandards bei der Kritik an Verstößen gegen universell gültige Völkerrechts- und Menschenrechtsnormen in den zitierten Aufrufen, anderen einschlägigen Texten sowie den Kundgebungsreden der letzten vier Jahre haben sich zumindest weite Teile der Friedensbewegung ähnlich verhalten wie sie dies sonst zu Recht bei den westlichen Regierungen, NATO und EU kritisieren. Das hat die Glaubwürdigkeit der Friedensbewegung erheblich beschädigt. Es kann zwar nicht als der einzige, aber so doch als wesentlicher Grund für die Mobilisierungspleiten im Oktober 2024 und 2025 gelten. Stattdessen wurden die Kritiker*innen der beiden Aufrufe der Initiative einer Spaltung der Friedensbewegung bezichtigt und gemeinsam mit den Medien für die geringen Teilnehmendenzahlen verantwortlich gemacht. Die notwendige Konsequenz, künftige Aufrufe und Forderungen universalistischer zu formulieren, wurde leider nicht gezogen.

Ebenso einseitig war auch der Aufruf zum diesjährigen Ostermarsch in Berlin (vgl. FriKo 2026), dem in der 4-Millionen-Stadt lediglich 1.600 Menschen folgten. Proportional zur Bevölkerung weit mehr Menschen konnte die Friedensbewegung in Mainz-Wiesbaden mit ihrem allseitigen, universalistischen Aufruf mobilisieren (vgl. DFG-VK Mainz-Wiesbaden 2026).

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine und auch schon die ebenfalls völkerrechtswidrige Annexion der Krim im Jahr 2014 werden in Diskussionen unter (vermeintlich) Friedensbewegten immer wieder relativiert, verharmlost oder gar ausdrücklich gerechtfertigt, zumeist unter Verweis auf die – zu Recht scharf kritisierte – NATO-Osterweiterung. Kritiker*innen dieses Krieges aus der Friedensbewegung werden von diesem Kreis pauschal als »Bellizist*innen« oder gar als »russophob« denunziert. Doch nur wenn die Friedensbewegung diesen völkerrechtswidrigen Krieg der Regierung Putin eindeutig benennt und kritisiert, hätte sie überhaupt eine Chance, dem tatsächlich bellizistischen und teilweise russophoben Mainstream in Politik und Medien, Geheimdienst, Bundeswehr sowie unter sicherheitspolitischen »Expert*innen«, der die öffentliche Wahrnehmung wesentlich bestimmt, etwas entgegenzusetzen.

Nur so ergibt sich eine Aussicht auf Erfolg zumindest in Teilen der Bevölkerung. Nur dann besteht eine Möglichkeit, die völlig unrealistischen und nicht belegten Bedrohungsbehauptungen wahrnehmbar zu entzaubern, die Regierung Putin plane zum einen nach Ende des Krieges gegen die Ukraine militärische Angriffe gegen Polen, die baltischen Staaten, Deutschland und andere NATO-Staaten, und sei zum anderen dazu spätestens Ende dieses Jahrzehnts auch militärisch in der Lage. Denn es sind diese Bedrohungsbehauptungen, mit denen die massive Aufrüstung mit ihren horrenden finanziellen Kosten und die daraus folgenden fatalen Ausgabenkürzungen in allen nichtmilitärischen Bereichen der Politik gerechtfertigt werden und innenpolitisch durchgesetzt werden sollen. Doch eine solche glaubhafte Widerlegung kann nur dann gelingen, wenn sich eine universalistische Perspektive ohne Ausnahme in der Friedensbewegung erneut durchsetzt.

2) Junge Generationen gewinnen

In der Friedensbewegung der 1980er Jahre stellte die Altersgruppe der unter 40-jährigen die Mehrheit. Das galt für die Aktivist*innen, Organisator*innen und Sprecher*innen der Bewegung und ebenso für die Teilnehmenden an Demonstrationen, Kundgebungen, Mahnwachen, Vortragsveranstaltungen oder Blockadeaktionen an Raketenstandorten. Auch bei Umfragen zu den Zielen der Friedensbewegung gab es in dieser Altersgruppe größere Zustimmungswerte als in den älteren Jahrgängen. Ein Beispiel dafür ist die im August 1982 vom ZDF-Politbarometer in Auftrag gegebene repräsentative Umfrage, in der sich 75% aller Befragten und in den beiden jüngsten Altersgruppen noch deutlich größere Mehrheiten gegen die Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenraketen aussprachen (für die Originaldaten vgl. Berger et al. 1992).

Das verhält sich heute genau umgekehrt. Die seit Ende des Kalten Krieges 1989/1990 und noch mehr die seit Beginn des Jahrtausends Geborenen fehlen in der Friedensbewegung fast völlig. Aus dieser Alterskohorte kommt bei allen Umfragen seit Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine 2022 auch die höchste Zustimmung zu Waffenlieferungen an Kyjiw sowie zur Aufrüstung der Bundeswehr. Bei Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen zu friedenspolitischen Themen wird das Fehlen jüngerer Teilnehmer*innen von den Anwesenden fast immer beklagt, wie ich aus eigener Anschauung bezeugen kann. Manchmal mit Erklärungsversuchen, die jüngeren Generationen seien „unpolitisch“, „weniger engagiert“ oder gar „dümmer“. Das sind allerdings nicht belegte Vorurteile, und auch das starke Engagement jüngerer Menschen vor allem in der Klimaschutzbewegung, aber auch in Initiativen gegen Rassismus und Rechtsextremismus zeigt ein gegenteiliges Bild.

Mit Blick auf friedens- und sicherheitspolitische Themen hat die Altersgruppe der heute unter 20-jährigen und in geringerem Maße auch der bis 40-jährigen allerdings ein Erfahrungs- und Wissensdefizit. Für diese Generationen sind die meisten Kriege, die das Bewusstsein früherer Jahrgänge geprägt sowie ihr friedenspolitisches Engagement motiviert haben (Vietnam, Korea, Golfkriege I und II, Jugoslawien, Irak, zwei Mal Afghanistan 1979ff. und 2001ff.) graue Vorzeit. Dasselbe gilt für die militärische Niederschlagung demokratischer Erhebungen in den Warschauer Vertragsstaaten (Ungarn, Tschescheslowakei, Ungarn, DDR) durch die Sowjetunion sowie für die zahlreichen US-Militärinterventionen und gewaltsam herbeigeführten Regierungsstürze in Mittelamerika (von Guatemala 1954 bis Panama 1989).

Für die seit 2000 Geborenen ist Russlands Krieg gegen die Ukraine der erste Krieg, den sie bewusst »erleben« – auch, weil dieser Krieg in Europa stattfindet. Das prägt das Bewusstsein und die oben zitierten Einstellungen zu Waffenlieferungen, Aufrüstung etc. In der Schule haben sie zu wenig und manchmal sogar überhaupt nichts über die Kriege, Militärinterventionen und sonstigen Gewaltkonflikte zwischen 1945 und dem Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan 2021 erfahren, wie ich bei zahlreichen Schulbesuchen in den letzten 25 Jahren festgestellt habe. Daher sind auch viele der früheren Bemühungen unbekannt, Gewaltkonflikte durch Diplomatie und Verhandlungen zu beenden, zu deeskalieren oder gar ihren Ausbruch zu verhindern.

Ohne eine zumindest teilweise Überwindung dieses Erfahrungs- und Wissensdefizits wird es nicht gelingen, einen relevanten Teil der heute unter 40-jährigen für die Friedensbewegung zu gewinnen. Dafür wird die militärkritische Politisierung, die seit der zweiten Hälfte 2025 bei Angehörigen der Altersgruppe 18+ begonnen hat, infolge ihrer – zunächst noch halb freiwilligen – Vorbereitung auf den Kriegsdienst allein nicht ausreichen. Selbst dann nicht, wenn es zu einer vollständigen Wiedereinsetzung der Kriegsdienstpflicht kommen sollte.

Es braucht dafür aktive Friedensbildungsangebote und die Begegnung mit Zeitzeug*innen. Für die Generation, die in den 1960er bis 1990er Jahren politisiert und zum Engagement in der Friedensbewegung, in Initiativen zur Versöhnung mit den Völkern der Sowjetunion u. ä. motiviert wurden, waren die Überlebenden der Shoa und des Widerstandes gegen die Nazi-Diktatur ganz entscheidende Zeitzeug*innen. Diese sind heute fast alle verstorben. Daher meine ich, dass eine wichtige Zeitzeug*innenfunktion heute die über 60-jährigen in der Friedensbewegung übernehmen müssen – diesmal bezogen auf die Periode ab Mitte/Ende der 1960er Jahre (Beginn der Ost- und Entspannungspolitik) bis zum 2021 beendeten Afghanistankrieg. Das heißt in erster Linie: überall unter Berufung auf den Beutelsbacher Konsens den Zugang zu den Schulen einzufordern, um der inzwischen erheblich verstärkten Propaganda der Bundeswehr an den Schulen etwas entgegenzusetzen. Die Altersgruppe der 25-40-jährigen lässt sich nach meinen Erfahrungen noch am ehesten über Volkshochschulen, Gewerkschaften und Kirchen erreichen.

3) Den Konsens der etablierten Sicherheitspolitik aufbrechen

Ende der 1950er Jahre waren die großen Kontroversen in der BRD über Wiederbewaffnung, NATO-Beitritt und die Stationierung US-amerikanischer Atomwaffen entschieden. Danach gab es über 20 Jahre keine relevante Debatte zu sicherheitspolitischen Themen. Der Konsens brach erst auf, als sich 1979 mit Bundeswehrgeneral Gerd Bastian erstmals ein Angehöriger der Bundeswehr öffentlich kritisch zur geplanten Stationierung US-amerikanischer Mittelstreckenraketen in Europa äußerte. In der Folge äußerten sich auch Generäle aus anderen NATO-Staaten öffentlich ähnlich wie Bastian (»Generale für den Frieden«). An den großen Demonstrationen der Friedensbewegungen im Herbst 1981 in Bonn, Amsterdam und Rom beteiligten sich tatsächlich auch Soldaten der Bundeswehr, der niederländischen und italienischen Streitkräfte – in Uniform. Zwei Jahre später sprach der SPD-Parteivorsitzende und ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt auf der Bonner Kundgebung der Friedensbewegung gegen die bevorstehende Stationierung der Pershing II und Cruise Missiles. Der weitere Weg hin zum INF-Abkommen und zur vollständigen Abrüstung dieser Waffengattung wurde so möglich. Auf diese Weise hatte sich der sicherheitspolitische Konsens radikal aufbrechen lassen. Aber es benötigte die dissidente Stimme, der dann in der Friedensbewegung entsprechend Raum gegeben wurde.

 (Anmerkung: die nachfolgende Passage bis „ …zu stationieren.“ ist eine Aktualisierung der gedruckten Fassung in W&F  nach der Entscheidung von Präsident Trump vom April).

Auch aktuell könnte die im Juli 2024 zwischen Bundeskanzler Scholz und US-Präsident Biden vereinbarte und ursprünglich noch für dieses Jahr (2026) geplante Stationierung neuer US-Mittelstreckenwaffen in Deutschland das Fenster bieten, um die seit Russlands Überfall auf die Ukraine sichtbar geschlossene Front der Sicherheitspolitiker*innen und Militärs aufzuweichen. Mit diesen neuen Mittelstreckenwaffen sollte die von der Bundeswehrführung behauptete “Fähigkeitslücke”  geschlossen werden, russische Raketenstellungen und andere militärische Ziele bis hinter Moskau präventiv zu zerstören. (vergleiche: https://www.youtube.com/watch?v=pfyH1p9hsOY )  US-Präsident Trump hat diese Pläne im April dieses Jahres zwar zunächst auf Eis gelegt. Zugleich haben aber die Regierungen Deutschlands und Frankreichs die bereits in der Vereinbarung zwischen Scholz und Biden angekündigte Absicht bekräftigt, eigene europäische Mittelstreckenwaffen mit denselben Fähigkeiten und Zweckbestimmungen zu entwickeln sowie in Deutschland und anderen NATO-Staaten zu stationieren.

Wenn es der Friedensbewegung gelingt, die beabsichtigte Erstschlagfunktion dieser Waffen gegen russische Raketenstellungen[1]

 und die dadurch deutlich verschärfte Gefahr russischer Angriffe auf die Stationierungsorte und die Kommandozentrale der neuen US-Raketen in Deutschland nicht nur in der breiten Öffentlichkeit, sondern auch möglichst vielen Soldat*innen der Bundeswehr bewusst zu machen, könnte ein solcher Konsens ins Wanken geraten. Mit fachlich bewanderten Experten wie Wolfgang Richter, der auf eine Vergangenheit als leitender Militärberater der deutschen Ständigen Vertretungen bei der Abrüstungskonferenz in Genf, den UN-Abrüstungsforen in New York und bei der OSZE in Wien zurückblickt, stehen auch profilierte Sprecher*innen zur Verfügung, die glaubwürdig eine alternative sicherheitspolitische Betrachtung anbieten können.

4 Friedensbewegung wird nur europäisch erfolgreich sein

In den 1980er-Jahren gab es zumindest zwischen Friedensorganisationen im Westen des damals noch geteilten europäischen Kontinents enge Kontakte, regelmäßige Treffen sowie Kooperation und Absprachen über gemeinsame Kampagnen und Demonstrationstermine. Friedensorganisationen aus Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Belgien, Großbritannien, Italien, Griechenland, Spanien, Dänemark, Schweden, Norwegen und der Schweiz vernetzten sich im »International Peace Coordinating Council« (IPCC) sowie im Rahmen der Kampagne »European Nuclear Disarmament« (END). Zudem gab es Kontakte zu Friedensgruppen in der DDR (»Schwerter zu Pflugscharen«). Das gemeinsame Handeln all dieser Friedensorganisationen ermöglichte es dem damaligen sowjetischen Präsidenten Michael Gorbatschow, seine Bereitschaft zu Verhandlungen und Rüstungskontrollabkommen mit den USA gegenüber den Hardlinern in der militärischen Führung und der Kommunistischen Partei (KPDSU) durchzusetzen. Sonst hätte es den INF-Vertrag vom Dezember 1987 nicht gegeben. Ab 1981 gab es auch eine enge Kooperation westeuropäischer Friedensorganisationen mit der ein Jahr zuvor in den USA gegründeten »Nuclear Freeze Campaign«, die auf ein Einfrieren der sowjetischen und US-amerikanischen Atomwaffenarsenale drängte.

Diese Vernetzungsstrukturen und gemeinsamen Aktionen von Friedensorganisationen in Europa existieren schon seit den 1990er Jahren nur noch rudimentär in Form etwa des Europäischen Netzwerkes gegen Rüstungshandel (ENAAT) oder der – über Europa hinausgehenden – Zusammenarbeit von Friedensinitiativen im Rahmen der Internationalen Kampagne für die Abschaffung von Atomwaffen (ICAN). Dabei wären sie heute dringender denn je. Erst recht, da – anders als in den 1980er Jahren und massiv verstärkt durch Russlands Krieg gegen die Ukraine –, inzwischen in der EU ein gemeinsamer Prozess der Militarisierung und Aufrüstung stattfindet. Eine Friedensbewegung, die gegenüber dieser EU-weiten Militarisierung nur im jeweiligen nationalen Rahmen agiert, wird in keinem der EU-Staaten erfolgreich sein. Voraussetzung für einen Erfolg ist überdies, dass die Kontakte, Vernetzung und Kooperation nicht auf die alten westeuropäischen Staaten beschränkt bleiben. Die Friedensbewegung muss gerade in den osteuropäischen EU- und NATO-Staaten – insbesondere in Polen und den drei baltischen Staaten – Gesprächspartner*innen und potentielle Verbündete suchen, in denen aus historischen Gründen und wegen der räumlichen Nähe dieser Staaten zu Russland »klassische« Friedensorganisationen bislang kaum oder überhaupt nicht existieren.

Um in der europäischen Öffentlichkeit wieder erfolgreich zu sein, braucht die Friedensbewegung überdies einen gemeinsamen positiven Entwurf für eine »Friedensmacht Europa«. Ein solcher Gegenentwurf müsste glaubhaft eine Alternative aufreißen zu der vorherrschenden Meinung, die schon seit Langem – nicht erst seit Trump – überfällige sicherheitspolitische Emanzipation von den USA sei nur möglich mit einer starken Aufrüstung bis hin zu einer eigenen atomaren Abschreckungskapazität. Ein derartiger Gegenentwurf müsste auch die konkrete Utopie von einem Zusammenleben mit Russland auf dem gemeinsamen Kontinent Europa/Asien ohne gegenseitige Bedrohung aufrechterhalten und ausbuchstabieren.

Eine solche Vision aber kann nur eine Friedensbewegung formulieren und erfolgreich zu etablieren versuchen, die konsequent universalistisch argumentiert, sich aktiv und strategisch verjüngt, sich um Zugänge zum Militär bemüht und Bruchlinien des sicherheitspolitischen Konsens sucht und immer internationalistisch agiert. Es bleibt viel zu tun.

Andreas Zumach ist freier Journalist, Buchautor, Vortragsreferent und Moderator. Er war von 1988 bis 2020 am UNO- Sitz in Genf Korrespondent für »die tageszeitung« (taz) in Berlin sowie für weitere Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehanstalten. In den 1980er Jahren war er mitverantwortlich für die Organisation der großen Abrüstungsdemonstrationen und Sprecher des Koordinationsausschusses der Friedensbewegung in Deutschland.

Literatur

Beucker, P. 2024: Die Friedensbewegung ist tot. „Friedensdemonstration“ am 3. Oktober. taz, 4.10.2024.

Initiative »Nie wieder Krieg – Die Waffen nieder!« 2024a: Nein zu Krieg und Hochrüstung! Ja zu Frieden und internationaler Solidarität. Aufruf zu einer bundesweiten Friedensdemonstration am 3. Oktober in Berlin. Homepage, URL: nie-wieder-krieg.org/aufruf-03-10-2024.

Initiative »Nie wieder Krieg – Die Waffen nieder!« 2024b: Erfolgreiche Friedensmanifestation am 3. Oktober 2024 in Berlin. Videos, Bilder und Reden. Homepage , URL: nie-wieder-krieg.org/videos-bilder-reden.

Initiative »Nie wieder Krieg – Die Waffen nieder!« 2025a: US-Plan zur Beendigung des Krieges in der Ukraine nicht ablehnen. Stellungnahme / Presseerklärung, 23.11.2025.

Initiative »Nie wieder Krieg – Die Waffen nieder!« 2025b: Nein zu Krieg und Hochrüstung! Ja zu Frieden und internationaler Solidarität. Aufruf zu einer bundesweiten Friedensdemonstration am 3. Oktober in Berlin. Homepage, URL: nie-wieder-krieg.org/nein-zu-krieg-und-hochruestung.

Initiative »Nie wieder Krieg – Die Waffen nieder!« 2025c: Bundesweite Demonstration am 3. Oktober 2025 in Berlin und in Stuttgart. Homepage, URL: nie-wieder-krieg.org/demo-03-10-25.

Initiative »Nie wieder Krieg – Die Waffen nieder!« 2025d: Bündnisaufruf zur Demonstration am 3. Oktober in Berlin und Stuttgart. Homepage, URL: nie-wieder-krieg.org/buendnisaufruf-03-10-25.

Initiative »Nie wieder Krieg – Die Waffen nieder!« 2025e: Newsletter 12/2025 – Berichte vom 3. Oktober – Einladung zum Webinar.

DFG-VK 2024: Stellungnahme zur geplanten Demonstration am 3. Oktober 2024 in Berlin.  28.8.2024.

DFG-VK Baden-Württemberg 2025: DFG-VK Baden-Württemberg unterstützt überregionale Demonstrationen am 3. Oktober in Stuttgart und Berlin. 14.8.2025.

DFG-VK Mainz-Wiesbaden 2026: Den Frieden lernen – nicht den Krieg! Mainz-Wiesbadener Ostermarsch in Wiesbaden. Flyer und Aufruf. URL: dfg-vk-mainz.de.

Friedenskoordination Berlin FriKo 2026: Nicht in unserem Namen. Flyer und Aufruf zum Berliner Ostermarsch 2026. URL: frikoberlin.de.

Bundeswehr 2025: Nachgefragt: Stationierung von US-Raketen. Videointerview mit Brigadegeneral Maik Keller. YouTube, 30.10.2024.

Richter, W. 2026: Die globale Renaissance von Mittelstreckensystemen (2). Regionalkonflikte und die Rückkehr der Geopolitik. In: Bödecker, S. et al. (Hrsg.): Rückkehr der Mittelstreckenwaffen. Warum sie die globale Sicherheit gefährden. Dossier 102, Beilage zu W&F 1/2026, S. 16-22.

Berger, M./Gibowski, W. G./Roth, D./Schulte, W. 1992: Politbarometer 1982 (Kumulierter Datensatz) (ZA2201; Version 1.0.0). GESIS, Köln.

[1]                Eine solche Funktion wird in der US-Doktrin festgehalten und so auch von der Bundeswehr bestätigt. Siehe dazu: Bundeswehr 2024, sowie Richter 2026.

[i]

22 Mai, 2026

KDV-Tour durch Ba-Wü

🕊️ ✌️ 🌈

KDV-Infotour durch Baden-Württemberg
vom 8. bis 19. Juni 2026

Mit dem KDV-Mobil unterwegs durch „the Länd“ für Beratung und Information, Gewaltfreiheit und Frieden.

Gemeinsam mit der Stiftung Care for Future organisiert die DFG-VK Baden-Württemberg eine landesweite Infotour zur Kriegsdienstverweigerung durch Baden-Württemberg. Ziel der Tour ist es, insbesondere jungen Menschen die Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung näherzubringen, über Verfahren und Beratungsangebote zu informieren und Raum für einen kritischen Blick auf Militarisierung und deren Auswirkungen auf eine demokratische Gesellschaft zu schaffen.

KDV-Infotour Baden-Württemberg

Dafür werden wir vom 8. bis 19. Juni mit unserem KDV-Mobil, einem Infostand und viel Informationsmaterial gut sichtbar quer durch Baden-Württemberg unterwegs sein – begleitet von unserem großen aufblasbaren „zerbrochenen Gewehr“. Gemeinsam mit DFG-VK-Regionalgruppen und weiteren Unterstützer*innen werden wir in Innenstädten, an Schulen und auf dem Ract! Festival junge Menschen über die Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung informieren, Öffentlichkeit für das Thema schaffen und einen kritischen Blick auf die zunehmende Militarisierung und ihre gesellschaftlichen Folgen schärfen.

Tagsüber wird es in den Städten Aktionen und Infostände an Orten geben, an denen besonders junge Menschen erreicht werden sollen – etwa in Innenstädten oder in der Nähe von Schulen. Ziel ist es, über die Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung sowie entsprechende Beratungsangebote vor Ort zu informieren. Abends wird das Thema dann durch unterschiedliche Veranstaltungsformate wie Workshops, Gesprächsrunden, Informationsveranstaltungen oder auch ein Fest gegen den Wehrdienst weiter vertieft.

KDV-Infotour Baden-Württemberg

Das Herzstück der Tour wird unser Stand sowie ein Workshop auf dem Ract! Festival am 12. und 13. Juni in Tübingen sein. Das Ract! Festival ist das größte politische Umsonst-und-Draußen-Festival Deutschlands und bringt jedes Jahr tausende junge Menschen, politische Initiativen und kulturelle Projekte zusammen. Umso mehr freut es uns, dass uns die Veranstalter*innen des Festivals dieses Jahr aufgrund der aktuellen Debatten um Kriegsdienstverweigerung, Aufrüstung und neue Wehrpflicht eingeladen haben, das Thema vor Ort sichtbar zu machen.

Unser Workshop findet am Freitag, den 12. Juni, um 15:30 Uhr statt. Dort wollen wir über die Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung, Beratungsangebote sowie den gesellschaftlichen Umgang mit Militarisierung und Wehrpflicht diskutieren und informieren.

KDV-Infotour Baden-Württemberg

Tourkarte

Auf dieser Karte seht ihr die Stationen und Termine der KDV-Infotour

Interaktive Tourkarte Baden-Württemberg

Tourübersicht

Datum Ort Was ist geplant?
08.06. Aalen Infostand im Stadtgarten am Vormittag ab 09:15 Uhr und über den Mittag. Ab 14:45 Infostand auf dem Marktplatz. Am Abend um 18:30 Uhr eine Informationsveranstaltung in der Gmünder Str. 9. Roland Hamm (DFG-VK) und Jürgen Menzel (Act for Transformation) informieren über Kriegsdienstverweigerung, Beratungsangebote vor Ort und die Gefahren des Militarismus.
09.06. Schwäbisch Hall Infoveranstaltung auf dem Dietrich-Bonhoeffer-Platz von 11 bis 18 Uhr mit Beratungsthemen und einem „Glücksrad“ zu Frieden/KDV. Herzstück ist ein einstündiges Interview von 12 bis 13 Uhr beim regionalen Radio StHörfunk Schwäbisch Hall mit Marianne Haufe und Gunter Reber.
10.06. Heilbronn Infostand am Platz neben der Nikolaikirche von 12:00 bis 14:00 Uhr. Gemeinsam mit dem Heilbronner Friedensrat informiert Andreas Gnekow (DFG-VK) über Kriegsdienstverweigerung und mögliche Beratungsangebote in Heilbronn und Umgebung.
11.06. Ludwigsburg Infostand zur DFG-VK und Wehrdienstverweigerung (KDV). Bei den Innenstadt-Gymnasien in der Seestraße (zw. Karl – u. Alleenstraße) Von 10:30- 15:00 durch die Regionalgruppe Ludwigsburg
12.–13.06. Tübingen
Ract! Festival
Herzstück der Tour: Infostand und Workshop am Freitag um 15:30 Uhr auf dem Ract! Festival. Es geht um KDV, Beratungsangebote, Gewissensbegründung, Verwaltungsverfahren und Möglichkeiten zivilen Ungehorsams.
14.06. Mannheim Infostand zur Kriegsdienstverweigerung und Aktion gegen den Veteranentag um 10:30 Uhr am Toulonplatzder Regionalgruppe Mannheim. Informationen zu KDV, Beratungsmöglichkeiten in Mannheim/Ludwigshafen/Weinheim und den Folgen gesellschaftlicher Militarisierung.
17.06. Offenburg Ca 12.00 Uhr Infostand in der verkehrsberuhigten Zone Innenstadt Offenburg vor einem Gymnasium (Langestraße). Ggf. anschließend nochmals vor einem anderen Gymnasium mit Nähe zur Gewerbeschule. Ist aber abhängig, wie der Zeitplan eingehalten werden kann. 16.00 Uhr Infoveranstaltung mit Festcharakter und Kulturbeiträgen, Reden, etc. im Bürgerpark Offenburg kleine Bühne. .
18.06. Freiburg Infotour durch Freiburg: 09:00 Eschholzpark,ca. 10:30 Richard-Fehrenbach-Gewerbeschule in der Friedrichsstraße, danach dann Ecke Rempartstrasse Werthmannstraße ( zwischen Unibibliothek und Mensa)
19.06. Lörrach 9.00 Uhr bis 13.30 Uhr Wintersbuckstraße (Berufsschule und Weiterbildende Schulen) mit Gewissensparcour und Preiausschreiben, KDV-Beratung 14.00 Uhr bis 18.00 Uhr Hebelplatz mit Gewissensparcour und Preiausschreiben, KDV-Beratung, 17.30 Uhr bis 18.30 Uhr Friedenslieder mit Ben Meet (Openair-Konzert)

Warum diese Tour?

Die zunehmende Militarisierung unserer Gesellschaft macht uns große Sorgen. Forderungen nach „Kriegstüchtigkeit“, immer höheren Rüstungsausgaben und der „größten konventionellen Armee Europas“ hätten wir angesichts der deutschen Geschichte lange für kaum vorstellbar gehalten. Umso erschreckender ist es für uns, wie selbstverständlich und oft unreflektiert heute wieder militaristische und bellizistische Positionen vertreten werden – von der Ampelregierung ebenso wie von CDU und SPD. Wir wollen Menschen vor Krieg schützen, so gut wir können. Mit Informationen zur Kriegsdienstverweigerung an der Waffe und konkreten Beratungsangeboten möchten wir all jene unterstützen, die weder töten noch sterben wollen. Gleichzeitig wollen wir darauf aufmerksam machen, dass Aufrüstung, Militarisierung und eine Politik der militärischen Logik eine Gefahr für Demokratie und gesellschaftlichen Frieden darstellen. In Zeiten globaler Machtkonflikte und erstarkender rechter Kräfte nahezu ausschließlich auf militärische Stärke, Aufrüstung und Abschreckung zu setzen, halten wir für historisch verantwortungslos und gefährlich. Mit unserer KDV-Infotour wollen wir Menschen Mut machen, sich Krieg, Wehrpflicht und Militarisierung zu verweigern – und ihnen helfen, nicht schon wieder für Deutschland sterben zu müssen.

DFG-VK Baden-Württemberg Care for Future
verweigern.info

17 März, 2026

kleine Anfrage: Rüstungsexportgenehmigungen der Bundesregierung im Jahr 2025

https://bawue.dfg-vk.de/wp-content/uploads/sites/24/2026/03/26-03-05-REX-GENEHMIGUNGEN-BREG-2025-21-4607.pdf

13 März, 2026

Rede am 05. März in Weinheim zum Schülerstreik DFG-VK

Zunächst einmal möchte ich mich vorstellen: Mein Name ist Gerd Kolb

und warum rede ich hier?

Weil ich vor fast genau 50 Jahren selbst den Kriegsdienst verweigert habe  – und weil ich nun junge Menschen unterstützen und beraten möchte, die heute ebenfalls den Kriegsdienst verweigern möchten.

Dies tue ich im Rahmen der DFG-VK Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegnerinnen in deren Name ich hier meine kurze Rede halte.

Ihr streikt hier und heute, weil ihr euch gegen die Reaktivierung der 2011 ausgesetzten Wehrpflicht einsetzt – dafür meinen allerhöchsten Respekt.

Ganz sicher habt ihr euch schon mehr oder weniger intensiv damit auseinandergesetzt, was es für euch und euer zukünftiges Leben bedeuten würde, wenn ihr als Wehrpflichtige zum Dienst in der Bundeswehr verpflichtet würdet.

Doch was bedeutet es ganz konkret, wenn aus der allgemeinen Wehrpflichtig der Dienst in der Armee als Soldat wird?

Welche Eingriffe in meine Persönlichkeitsrechte bzw. in meine Würde muss ich dadurch in Kauf nehmen?

Jeder Soldat gibt sein freies Aufenthaltsbestimmungsrecht zumindest temporär preis. Er hat keinerlei Einfluss mehr darauf, wo er eingesetzt wird.

Jeder Soldat wird fremdbestimmt – Befehle kommen „von oben“.

Jeder Soldat wird unmittelbar gezwungen, sämtliche erteilten Befehle widerspruchslos auszuführen.

Jeder Soldat wird kann gezwungen werden, das eigene Leben zu riskieren und das Leben Anderer zu zerstören.

Gesellschaftliche Einordnung

Grundgesetz Artikel 1 lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar, sie zu achten und zu schützen, ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“

Frage:  warum dann Krieg, der genau diese Würde nimmt?

Kein vernünftiger Mensch will Krieg – stimmt das? Und… warum gibt es dann so viele Kriege?

Zunächst einmal muss man fragen: Wer profitiert vom Krieg?

Mächtige Eliten – aktueller denn je

Rüstungskonzerne und Zulieferbetriebe; siehe Rheinmetall

Obere Schichten aufgrund ihres Vermögens:

– sie sitzen entweder in Führungspositionen, meist ohne direkten Frontkontakt oder sie sind ganz vom Wehrdienst befreit; auf welchen Wegen auch immer?

– sie können ihren Aufenthaltsort oft außerhalb des Kriegsgebietes wählen, da sie in der Regel Immobilien auch im Ausland besitzen.

Wer wird im Krieg geopfert?

Die finanziell und vermögenstechnisch nicht bzw. weniger privilegierten Bürger.

Krieg ist immer auch eine Angelegenheit, bei der die Vermögenden am Ende sehr oft ihr Vermögen vermehren.

Nach dem zweiten Weltkrieg konnten Konzerne wie Krupp-Thyssen praktisch unverändert weiterarbeiten.

Die IG Farben, die u.a. das berüchtigte Giftgas Zyklon B produzierte, wurde aufgespalten u.a. in:

 – die heutige BASF

– den Bayer-Konzern und

– die Hoechst AG.

alle blieben praktisch nicht nur so gut wie unversehrt, sie wurden auch mit Beträgen zwischen jeweils 300 – 400 Millionen DM als „Startkapital“ ausgestattet; damals sehr, sehr viel Geld!

Kein „Startkapital“ erhielten hingegen die Menschen, deren Häuser und Wohnungen sehr oft zerstört waren, (ausgebombt, nannte man das).

Was sind weitere mögliche persönliche Folgen eines Kriegseinsatzes?

Man kommt zwar körperlich unversehrt aber traumatisiert zurück – ein normales Leben ist oft nicht möglich. (Vgl. z.B. den Klassiker „Im Westen nichts Neues“ von Eva Maria Remarque).

Man kommt als Krüppel zurück – berufliche Möglichkeiten, und damit auch Verdienstmöglichkeiten, sind stark eingeschränkt. (vgl. z.B. den Film „Geboren am 04. Juli“ von Oliver Stone)

Man kommt tot zurück – Hinterlässt Witwen und Halbwaisen sowie um ihr Kind trauernde Eltern. (Tote im
2. WK: ca. 75 Millionen – nur zur Einschätzung: Deutschland hat aktuell ca. 80 Millionen Einwohner).

Und das perfide war die damals gefundene Sprachregelung, die Kriegswitwen betreffend: Entweder hieß es:

(1)      Die hat ihren Mann im Krieg verloren oder

(2)      Der ihr Mann ist im Krieg gefallen.

Warum perfide? Weil die Verantwortung im

Ersten Fall auf die Witwen selbst übertragen wird, denn wenn ich etwas „verloren“ habe, dann bin ich selbst dafür verantwortlich, denn ich hätte ja besser darauf aufpassen können – und im

Zweiten Fall ist der tote Soldat selbst verantwortlich, denn wenn er besser aufgepasst hätte, wäre er ja nicht „gefallen“.

Die Verantwortlichen, für die zum Morden und Ermordet werden in die Hölle gezwungenen Soldaten, werden nicht erwähnt – Sie lassen dann einmal im Jahr – wie führsorglich!!! – einen „Volkstrauertag“ veranstalten.

Das war eine kurze persönliche und gesellschaftspolitische Einschätzung – und ihr steht durch die Reaktivierung der Wehrpflicht vor der Entscheidung:

Komme ich ihr nach, weil ich von ihrem Sinn überzeugt bin? Oder

Nehme ich mein in Artikel 4, Abs.3 des Grundgesetzes garantiertes Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung mit der Waffe aus Gewissensgründen in Anspruch?

Wie schon anfangs erwähnt, steht nicht von Ungefähr dieser große und doch so oft unterschätzte Satz: „: Die Würde des Menschen ist unantastbar, sie zu achten und zu schützen, ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ ganz am Anfang als erstes Unveränderliches Grundrecht in unserer Verfassung.

In Verbindung mit Artikel 4 des GG, – dieses ebenfalls unveränderliche Recht auf Kriegsdienstverweigerung mit der Waffe -, sollte man annehmen, dass alleine die bloße Erklärung, dieses Recht in Anspruch zu nehmen,  vollkommen ausreichen sollte, weil man es z.B. mit seiner Würde unvereinbar sieht, auf andere Menschen zu schießen.


Aber das ist nicht so! Dieses Recht auf Kriegsdienstverweigerung ist das EINZIGE Grundrecht, das einem nicht automatisch und staatlich garantiert, zusteht.

Zugespitzt kann man es so formulieren: Während in jedem Strafverfahren für jeden Angeklagten die Unschuldsvermutung so lange gilt, bis er rechtskräftig verurteilt ist, ist es hier genau umgekehrt:


Es wird ein genereller Verdacht ausgesprochen, dass die Verweigerung aus Gewissensgründen erstmal nicht glaubhaft ist – und völlig fremde Menschen maßen sich an, dies überprüfen und letztendlich eine verbindliche Entscheidung fällen zu können.

Daher ist es umso wichtiger, seinen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung sehr gut und schlüssig zu begründen und keine formalen Fehler zu begehen.

Seine Gewissensentscheidung muss und kann nur jeder für sich selbst formulieren und begründen. Dabei können wir von der DFG-VK nicht helfen.

Wobei wir allerdings helfen können:

Zu schauen, ob alle Formalien eingehalten werden,

Zu schauen, ob alle Fristen eingehalten werden,

Zu schauen, ob die Begründungen ausführlich genug sind und eventuell noch weitere persönliche Erfahrungen einfließen könnten.

Falls ihr also den Kriegsdienst verweigern möchtet, könnt ihr euch gerne an die DFG – VK  – Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegnerinnen wenden.



Man hat immer zwei Möglichkeiten, Gewalt zu begegnen:

Wie es die großen Menschen Martin Luther King und Mahatma Ghandi gezeigt haben
– Durch Gewaltverzicht und dem Aufzeigen des Friedensweges!

Martin Luther King hat die Gleichbehandlung von Schwarzen und Weißen erreicht (zumindest vor dem Gesetz) und Mahatma Ghandi hat das britische koloniale Imperium in Indien zu Einstürzen gebracht. Oder:

Mit aktiver Gegengewalt, was, wie die zwei Weltkriege gezeigt haben, zu millionenfachem Mord und Zerstörung geführt hat.

Verteidigungsminister Pistorius hat mit seiner unsäglichen Aussage, „Deutschland müsse wieder kriegstüchtig werden“, gezeigt welchen Weg er wählt. Der Wehrbeauftragte Otte, hat in seinem Bericht Anfang dieser Woche mitgeteilt, dass die Zahl der Freiwilligen nicht ausreichen wird, die angestrebte Zahl von 450.000 Wehrpflichtigen und Reservisten zu erreichen. Also wird wieder zwangsweise rekrutiert, junge Menschen potentiell in Krieg und Tod geschickt werden!

Mit eurem Streik heute zeigt ihr, dass ihr nicht kriegsbereit seid, dass es

 sehr hohe Zeit ist, diesen gewaltfreien Weg zu gehen.

Abschließend ein großartiges Lied von Hannes Wader gemeinsam gesungen mit Konstantin Wecker und Reinhard Mey: Es ist an der Zeit. (Das konnte leider nicht umgesetzt werden)
Abrufbar auf YouTube

12 Februar, 2026

Schulstreik gegen Wehrplicht am 5. März – Schon jetzt solidarisch sein!

Am 5. März rufen bundesweit Schüler*innen erneut zum Schulstreik gegen Wehrpflicht auf. Sie gehen auf die Straße gegen Militarisierung, gegen Zwangsdienste und gegen eine Politik, die ihre Zukunft verplant, ohne sie wirklich zu beteiligen.

Wir als DFG-VK Baden-Württemberg waren bereits am 5. Dezember unterstützend dabei – und wir waren beeindruckt von der Klarheit, Entschlossenheit und politischen Reife der jungen Menschen. Trotz Gegenwind, trotz Schulpflicht und trotz öffentlicher Kritik haben tausende Schüler*innen bundesweit protestiert.

Für den 5. März ist davon auszugehen, dass die Bewegung noch größer wird.

Gerade in Baden-Württemberg ist dieser Termin politisch bedeutsam. Kurz vor den Landtagswahlen ist der Schulstreik eine sichtbare Gelegenheit, der parteiübergreifend propagierten Militarisierung etwas entgegenzusetzen. Doch wichtiger als jede parteipolitische Einordnung ist etwas anderes:

Junge Menschen organisieren sich selbst – und das verdient unsere aktive Unterstützung.

Wichtige Termine vor dem 5. März

14.–15. Februar: Bundesweite Streikkonferenz

17. Februar, 17–19 Uhr: Mega-Zoom – Schulstreik-Vollversammlung

Alle Infos, Materialien und beteiligten Städte:

https://schulstreikgegenwehrpflicht.com

Wie können wir als DFG-VK unterstützen?

1. Vor Ort Präsenz zeigen

Geht zu den Streiks in euren Städten. Zeigt, dass die Schüler*innen nicht allein stehen.

2. Öffentlich Stellung beziehen

Schreibt Leser*innenbriefe in euren lokalen Zeitungen – in möglichst vielen Städten.

Macht deutlich, dass ihr es stark findet, wenn junge Menschen für ihre Rechte eintreten: für das Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung und gegen Militarisierung.

3. Gegen Repression Haltung zeigen

In Baden-Württemberg gab es bereits problematische Reaktionen: Versuche, Streiks zu verhindern, Bußgelder wegen Fehlzeiten oder bewusst auf Streiktage gelegte Klassenarbeiten.

Hier können wir unsere Kontakte nutzen – in Schulen, Rathäusern und Gemeinderäten – und klar machen: Politischer Protest ist ein demokratisches Recht.

4. Fachliche Unterstützung anbieten

Wir verfügen über jahrzehntelange Expertise zur Kriegsdienstverweigerung.

Bietet Gespräche, Vorträge oder Hintergrundinformationen an.

Wir unterstützen diesen Schulstreik inhaltlich und politisch.

Aber vor allem unterstützen wir die jungen Menschen, die den Mut haben, selbst aktiv zu werden.

Lasst uns am 5. März sichtbar solidarisch sein.

-> Hier noch ein Interview mit den beiden Politik Influencers Simon David Dressler und Ole Nymoen, die kritisch unterstützend über die Schulstreiks sprechen:

-> Und noch ein Artikel der UZ über die am Wochenende anstehende bundesweite Schulstreik-Konferenz in Göttingen:

Einordnen, austauschen,vernetzen

Zwischen den Schulstreiks gegen Wehrpflicht am 5. Dezember 2025 (hier in Hamburg) und 5. März 2026 treffen sich Aktive am 14. Februar 2026 zur bundesweiten Schulstreik-Konferenz in Göttingen. Göttingen wird am 14. und 15. Februar zum Treffpunkt einer Bewegung: In den Veranstaltungsräumen der MUSA findet die erste bundesweite Schulstreik-Konferenz statt. Schülerinnen und Schüler aus dem gesamten Bundesgebiet sowie Unterstützerinnen und Unterstützer der Streikkomitees kommen zusammen, um sich zuvernetzen, Erfahrungen auszutauschen und über die nächstenSchritte zu beraten. Im Zentrum steht dabei vor allem ein Ziel: den nächsten bundesweiten Schulstreik am 5. März zu einem weiteren Erfolg zu machen.

In zahlreichen Workshops werden sowohl theoretische als auch praktische Fragen der Streikorganisation behandelt. Geplant sind unter anderem Workshops zu Friedenspädagogik, Social-Media-Arbeit und Kriegsdienstverweigerung. Ein Einleitungsreferat der Initiative „Nie wieder Krieg – Die Waffen nieder!“ soll darüber hinaus über den aktuellen Stand der Kriegsvorbereitungen in Deutschland informieren und den politischen Rahmen der Proteste einordnen.

Zum Abschluss der Konferenz ist die Verabschiedung einer gemeinsamen Erklärung vorgesehen, in der zentrale Ziele und Perspektiven für kommende Streiks festgehalten werden. Zudem werden Schülerinnen und Schüler des Streikkomitees Göttingen am Sonntag auf einer Pressekonferenz ein erstes Fazit des Wochenendes ziehen.

Die Konferenz findet zu einem entscheidenden Zeitpunkt statt.

Mehr als 55.000 Schülerinnen und Schüler beteiligten sich zuletztan den bundesweiten Streiks am 5. Dezember: Ein deutliches Zeichen dafür, dass viele junge Menschen nicht länger bereit sind, politische Entscheidungen hinzunehmen, die ihre Zukunft zu zerstören drohen. Die Interessen der Jugend geraten zunehmend unter Druck. Während Milliarden in Aufrüstung fließen und militärische Strukturen gestärkt werden, bleiben Investitionen in Bildung, soziale Sicherheit, gute Ausbildungsplätze und echte Zukunftsaussichten auf der Strecke. Während Schulen zerfallen und sich immer mehr Jugendliche ein normales Leben kaum noch leisten können, Freizeitaktivitäten zunehmend unbezahlbar werden, sollen junge Menschen auf eine Zukunft vorbereitet werden, in der Krieg wieder als politisches Mittel gilt, um wirtschaftliche Interessen durchzudrücken.

Dass von der Bundesregierung kein Abweichen von diesem Kurs zu erwarten ist, machte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) kürzlich in seiner Regierungserklärung deutlich: „Unsere Vorstellungen können wir in der Welt nur dann durchsetzen, wenn wir selbst die Sprache der Machtpolitik sprechen lernen, wenn wir selbst eine europäische Macht werden.“ Für die Streikbewegung sind damit die Fronten geklärt. Während die Herrschenden nach einem neuen Platz an der Sonne für die deutschen Großkonzerne streben, müssen die, die der zunehmenden Militarisierung etwas entgegensetzen wollen, die das Recht der Jugend auf Bildung statt Bomben sowie auf eine Zukunft im Frieden statt im Schützengraben verteidigen wollen, die Bewegung weiter stärken. Entsprechend wollen die Teilnehmenden ihre Arbeit stärker in den Schulen verankern, die Zusammenarbeit mit Schülervertretungen und Gewerkschaftsjugenden ausbauen und die Bewegung breiter antimilitaristisch aufstellen. Auch die solidarische Unterstützung durch Lehrkräfte, Eltern und gewerkschaftliche Strukturen soll vertieft werden. Ein weiteres Ziel ist die Weiterentwicklung bestehender Schulstreikkomitees, mehr Schülerinnen und Schüler aktiv einzubeziehen und neue Komitees direkt an den Schulen zu gründen.

Nicht zuletzt dient die Konferenz der konkreten Vorbereitung kommender Aktionen, insbesondere mit Blick auf die Mobilisierung für den 5. März. Persönlicher Austausch, regionale Vernetzung und eine engere bundesweite Koordination sollen dazu beitragen, die Bewegung strategisch zu bündeln und ihre Schlagkraft zu erhöhen.

Mit der ersten bundesweiten Schulstreik-Konferenz betritt die Bewegung Neuland. Nach dem starken Echo der vergangenen Proteste könnte sie ein wichtiger Schritt sein, um Kräfte zu bündeln und den Widerstand gegen eine Politik zu organisieren, die ihre Interessen gefährdet. Die Erwartungen sind entsprechend hoch, ebenso wie die Entschlossenheit, den kommenden Streik erfolgreich auf die Straße zu tragen.

Infos zu den Schulstreiks gegen Wehrpflicht gibt es auf der Website der Schulstreik-Initiative. Das Programm der Schulstreik-Konferenz hat die Initiative auf Instagramveröffentlicht.

16 Dezember, 2025

Unser Berater*innen-Netzwerk wächst

Kriegsdienstverweigerungsberatung in Baden-Württemberg

Seit der ausgerufenen sogenannten Zeitenwende beobachten wir eine Entwicklung, vor der wir lange gewarnt haben:
Die politische Rückkehr zur Wehrpflicht rückt immer näher – und mit ihr der Versuch, junge Menschen wieder systematisch an Militär, Krieg und sogenannte „Kriegstüchtigkeit“ zu gewöhnen.

Für uns als DFG-VK Baden-Württemberg war deshalb früh klar:
Wenn die Politik erneut auf Zwang, Militarisierung und Rekrutierung setzt, dann müssen wir das tun, was seit jeher zu unserem Selbstverständnis gehört – Menschen dabei unterstützen, Nein zum Krieg zu sagen.

Denn niemand darf gegen seinen Willen (durch den Staat) zum Töten oder zum Sterben gezwungen werden.

Wiederaufbau dessen, was nie wieder nötig sein sollte:
ein KDV-Berater*innen-Netzwerk

Über viele Jahre war Kriegsdienstverweigerungsberatung in Deutschland kaum gefragt. Die Wehrpflicht war ausgesetzt, die Beratungsstrukturen wurden kleiner, und auch das Wissen drohte verloren zu gehen.

Der Landesverband Baden-Württemberg der DFG-VK hat jedoch nie aufgehört, Menschen zu beraten, die weg von der Bundeswehr wollten. In der Zeit ohne Wehrpflicht handelte es sich dabei meist um Kriegsdienstverweigerungen von Reservist*innen oder Soldat*innen.

Doch spätestens seit 05.12.2025 ist klar:
Diese Phase ist vorbei.

Die sogenannte Zeitenwende bringt uns wieder viel Arbeit. Als Landesverband haben wir deshalb begonnen, das Berater*innen-Netzwerk für Kriegsdienstverweigerung in Baden-Württemberg systematisch wieder aufzubauen – wohl wissend, dass wir eigentlich gehofft hatten, diese Arbeit nie wieder in diesem Umfang leisten zu müssen.

Hohe Nachfrage – volle Schulungen

Die Nachfrage nach Kriegsdienstverweigerungsberatung ist enorm – und sie wird mit dem am 01.01.2026 in Kraft tretenden Wehrdienstmodernisierungsgesetz weiter steigen. Gleichzeitig wächst auch der Bedarf an Menschen, die diese Beratung überhaupt anbieten können. Genau deshalb organisieren wir KDV-Berater*innen-Schulungen: Schulungen für Menschen, die andere dabei unterstützen wollen, Kriegsdienst zu verweigern.

Unsere Schulungen für Berater*innen sind regelmäßig schnell ausgebucht – oft innerhalb weniger Tage. Das ist einerseits sehr ermutigend, weil es zeigt: Viele Menschen sind solidarisch und wollen diejenigen unterstützen, die nicht zur Bundeswehr und nicht zum Militär wollen. Andererseits bringt es uns an die Grenzen unserer Kapazitäten, denn wir könnten deutlich mehr Menschen ausbilden, als wir es bisher schaffen.

Ein zentraler Motor beim Aufbau unseres Beratungsnetzes ist unser Landesvorsitzender und KDV-Experte Klaus Pfisterer. Er hat die Schulungen anfangs alleine durchgeführt und wird inzwischen stark unterstützt von Susanne Bödecker, mit der zusammen er die Schulungen in Stuttgart macht.

Beide KDV-Expert*innen kommen aber auch zu euch: Wenn ihr 10 bis 15 an KDV-Beratung interessierte Menschen zusammenbekommt – gern DFG-VK-Mitglieder oder solche, die es werden wollen, aber auch andere Interessierte (Lehrer*innen, Jugendsozialarbeiter*innen und junge Gewerkschafter*innen oder andere Multiplikator*innen) – dann meldet euch bei uns. Wir schauen gemeinsam, wie wir das KDV-Wissen auch in eure Stadt bringen.

Es gab bereits Schulungen in Mannheim oder auch online. Weitere Schulungen wird es u. a. in Freiburg, Schwäbisch Hall oder Herrenberg geben. Auch die DFG-VK-Gruppe Mittelbaden wird bald eine eigene KDV-Berater*innen-Schulung durchführen.

Wissen weitergeben, Strukturen stärken

Kriegsdienstverweigerungswissen darf kein exklusives Expertenwissen sein.
Es muss dort verfügbar sein, wo Menschen es brauchen – niedrigschwellig, solidarisch und kompetent.

Unser Ziel ist ein landesweites Netz von Berater*innen, sodass kein junger Mensch in Baden-Württemberg allein gelassen wird, wenn er oder sie sich dem Kriegsdienst an der Waffe entziehen will.
Es darf keine blinden Flecken der Kriegsdienstverweigerung in Baden-Württemberg mehr geben.

Aufruf an unsere Mitglieder – ausdrücklich auch an die Jüngeren

Wenn ihr darüber nachdenkt, selbst Kriegsdienstverweigerungsberatung anzubieten, dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt.
Wir sprechen ausdrücklich auch jüngere Mitglieder an – Menschen, die nah an den Lebensrealitäten derjenigen sind, die künftig wieder angeschrieben, erfasst und unter Druck gesetzt werden, Kriegsdienst zu leisten.

Bitte meldet euch bei uns.
Aber selbstverständlich gilt dieser Aufruf ebenso für alle, die älter sind und ihre Erfahrung einbringen wollen. Wir organisieren weitere Schulungen und bauen unser Berater*innen-Netzwerk weiter aus.

Kriegsdienstverweigerungsberatung ist für uns mehr als eine Einzelfallhilfe.
Sie ist Schutz vor Zwang, konkrete Solidarität und politischer Widerstand gegen die Militarisierung unserer Gesellschaft. Sie ist zugleich ein aktiver Beitrag und ein Kampf für eine friedlichere Zukunft.

Bitte unterstützt diese Arbeit.

Aus der Praxis: Zwei Berater*innen

Wie diese Arbeit konkret aussieht, zeigen zwei Beispiele aus unserem Berater*innen-Netzwerk.
Menschen, die sich entschieden haben, ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihre Haltung weiterzugeben – und andere dabei zu unterstützen, Nein zum Kriegsdienst zu sagen.

Susanne Bödecker

hauptamtlich in der DFG-VK Bundesgeschäftsstelle in Stuttgart für den Materialversand (Pazifix) zuständig, ehrenamtlich im KDV-Berater*innenteam, ich berate hauptsächlich Reservist*innen.
Die KDV-Beratung liegt mir am Herzen, weil der Weg, den ich mit dem*der Ratsuchenden oft bis zur Anerkennung gehen darf, ein „Ausdruck gelebter Friedensethik und geerdeter Hoffnung“ (Gregor Rehm) ist.

Andreas Pahlow (DFG-VK Mittelbaden)

Was für mich vor 40 Jahren wichtig war, ist heute für andere wieder wichtiger den je.
Als Jugendreferent in Rente steckt mir die Beratung immer noch im Blut.
Was liegt näher, als in diesen Zeiten KDV-Beratung anzubieten.

16 Dezember, 2025

Der ‚neue Wehrdienst‘ tritt in Kraft

Verteidigungsminister Pistorius will Deutschland kriegstüchtig machen, um sich gegen mögliche Angriffe zu wappnen. Durch das Aussetzen der Schuldenbremse hat er zwar genügend Geld für Waffenkäufe zu Verfügung, allerdings fehlt ihm das Personal, diese zu bedienen. Das will er mit dem Wehrdienstmodernisierungsgesetz ändern, das der Bundestag am 5.12.2025 verabschiedet hat. Wenn der Bundesrat am 19.12.2025 zustimmt, wovon auszugehen ist, wird es zum 1. Januar 2026 in Kraft treten. Damit gehen folgende Änderungen einher:

Freiwilliger Wehrdienst

– Es bleibt zunächst dabei einen freiwilligen Wehrdienst bei der Bundeswehr zu leisten.

  Mindestdauer 6 Monate und Verlängerung bis zu 5 Monaten.

  Die ersten 6 Monate gelten als Probezeit, innerhalb derer man ausscheiden kann.

– Der/die freiwillig Wehrdienst Leistende/r bis zu 11 Monaten erhält 2.600€ brutto monatlich

– Einen Zuschuss zum Erwerb einer Fahrerlaubnis der Klasse B (PKW) bei einer Dienstdauer von

  mindestens 12 Monaten. Der Zuschuss beträgt bis zu 3.500€.

– Einen Zuschuss zum Erwerb einer Fahrerlaubnis C oder C 1 (LKW) bis zu 5.000€.

– Freie Fahrt in Uniform mit der Bundesbahn

– Soldaten mit einer Restdienstzeit von mindestens zwölf Monaten werden in ein Dienstverhältnis

  eines Soldaten auf Zeit (SaZ 1) übernommen.

Bis 2035 ist der Aufwuchs der Streitkräfte auf 460 000 Soldatinnen und Soldaten, davon bis zu

260 000 aktive Soldatinnen und Soldaten und mindestens 200 000 Reservistinnen und Reservisten zur Erfüllung der NATO-Fähigkeitsziele, vorgesehen. Dem liegt folgender Aufwuchspfad zu Grunde:

JahrAktive Soldatinnen und SoldatenReservistinnen und Reservisten
2026186 000 – 190 00070 000 – 80 000
2027190 000 – 193 00080 000 – 100 000
2028193 000 – 198 000100 000 – 120 000
2029198 000 – 205 000120 000 – 140 000
2030204 000 – 212 000140 000 – 160 000
2031210 000 – 220 000160 000 – 180 000
2032218 000 – 230 000180 000 – 200 000
2033228 000 – 242 000Mindestens 200 000
2034240 000 – 256 000Mindestens 200 000
2035255 000 – 270 000Mindestens 200 000  

Das Bundesministerium der Verteidigung berichtet dem Deutschen Bundestag halbjährlich,

beginnend ab dem 1. Januar 2027, über die Entwicklung des Aufwuchses und der sich daraus

ergebenden Entwicklung der Reserve.

Findet Pistorius genügend Freiwillige, bleibt es bei der Freiwilligkeit.

Findet Pistorius nicht genug Freiwillige, kann nur mit einem neuen Gesetz im Bundestag eine

sogenannte Bedarfswehrpflicht eingeführt werden. Einen Automatismus gibt es dafür nicht.

Wehrerfassung mittels Bereitschaftserklärung

Mit der Bereitschaftserklärung tritt die Wehrerfassung wieder in Kraft.

– Das Karrierecenter der Bundeswehr wird umbenannt in Wehrersatzbehörden

– Alle Männer und Frauen ab dem Geburtsjahrgang 2008 erhalten ein Schreiben der

  Bundeswehr mit der Aufforderung eine Erklärung zur Bereitschaft und Fähigkeit zu einer

  Wehrdienstleistung mittels Fragebogen abzugeben. Männer müssen den Fragebogen ausfüllen,

  Frauen und Personen anderen Geschlechts können dies tun.

Abgefragt werden:

1. Angaben zur Person, zum Geschlecht, zum Familienstand und zu weiteren Staatsan-

     gehörigkeiten.

2. Interesse an einem Wehrdienst

3. Körpergröße und Gewicht

4. Vorliegen einer Körperbehinderung oder einer entsprechenden Gleichstellung

5. Bildungsabschlüsse sowie sonstige Befähigungen und Qualifikationen

6. Selbsteinschätzung der körperlichen Leistungsfähigkeit

7. Wehrdienst in fremden Streitkräften

Wie der Fragebogen genau aussieht, ist derzeit nicht bekannt.

– Wer den Fragebogen nicht richtig ausfüllt oder nicht zurückschickt, begeht eine

  Ordnungswidrigkeit, die mit einem Bußgeld bestraft werden kann.

– Das Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr hat die in einer freiwillig

  abgegebenen Bereitschaftserklärung angegebenen Daten unverzüglich zu löschen, sofern die

  Person bekundet hat, dass sie kein Interesse an einem Wehrdienst hat.

Musterung

Zwangsmusterung ab 1.1.2026 für alle Männer, die ab dem 1.1.2008 geboren sind.

Flächendeckend wird das – aus Kapazitätsgründen – erst ab dem 1.Juli 2027möglich sein. Gemustert wird in den 15 bestehenden Karrierecentern (Wehrersatzbehörden) und 24 neuen Musterungszentren, die noch aufgebaut werden müssen.

Kriegsdienstverweigerung

Der Antrag auf Kriegsdienstverweigerung soll ab dem 1.1. 2026 an das Bundesamt für Personalmanagement der Bundeswehr nach Köln geschickt werden.

Über den KDV-Antrag entscheidet weiterhin das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) in Köln im schriftlichen Verfahren.

Entgegen § 2 Absatz 6 Satz 2 des Kriegsdienstverweigerungsgesetzes kann die Zuleitung des

Antrags auf Kriegsdienstverweigerung bei ungedienten Wehrpflichtigen, die vor dem 1. Januar

2010 geboren sind, ohne vorherige Musterung erfolgen (§ 13 Wehrpflichtgesetz).

Über Anträge, die ohne vorherige Musterung dem Bundesamt zugeleitet werden, soll spätestens

innerhalb von neun Monaten seit Eingang beim Bundesamt für das Personalmanagement der    

Bundeswehr entschieden werden.

Reservisten

§ 1 des Reservistengesetzes, wonach grundsätzlich alle früheren Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr Reservistinnen und Reservisten sind, bleibt unberührt

Bundesmeldegesetz

Der Widerspruch gegen die Datenweitergabe an die Bundeswehr entfällt.

Freiwilligendienste

Es werden 15.000 weitere Plätze für Freiwilligendienste eingerichtet. Damit erhöht sich die Gesamtzahl auf 100.000 Plätze. Im Bundeshauhalt werden die Freiwilligendienste gestärkt:

50 Millionen Euro zusätzlich für das Jahr 2026 und 80 Millionen Euro zusätzlich in den Folgejahren im sozialen, ökologischen, politischen und kulturellen Bereich, in Sporteinrichtungen oder im Zivil- und Katastrophenschutz.

Deshalb sind der neue Wehrdienst zum Zwecke der militärischen Abschreckung und die Freiwilligendienste mit dem Ziel, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, für die Bundesregierung zwei komplementäre Elemente einer zukünftigen Gesamtarchitektur gesellschaftlicher Resilienz.

Die Position der DFG-VK ist klar.

Wir lehnen das Wehrdienstmodernisierungsgesetz ab und sind gegen jede Art von Zwangsdienst. Dazu zählt die Erfassung der Männer ab 18 Jahren ebenso wie die jetzt vorgesehene Erfassung der Frauen durch die Hintertür, die wir juristisch prüfen lassen werden. Die geplante Zwangsmusterung ganzer Jahrgänge ab 1. Juli 2027 lehnen wir ebenfalls ab.

Bei der Bereitschaftserklärung sind zwei Gruppen zu unterscheiden:

1. Die Gruppe derer, die keine gesundheitlichen Einschränkungen haben und uns um Rat

    Fragen. Wir können ihnen nur Tipps geben, welche Möglichkeiten ihnen zur Verfügung 

    stehen. In jedem Fall sollte keine Bereitschaft zum freiwilligen Wehrdienst angekreuzt

    werden.

2. Die Gruppe derer, die gesundheitliche Einschränkungen haben. Dazu zählen Menschen

    mit einem Handicap, chronisch Kranke, psychisch Kranke, Autisten…….

    Hier raten wir im Fragebogen an entsprechender Stelle darauf hinzuweisen und Atteste oder

    eine Kopie vom Schwerbehindertenausweis beizufügen. Aller Voraussicht nach werden  

    Beeinträchtigte für den Wehrdienst nicht infrage kommen.

    Diese Möglichkeit besteht aber nur, wenn man die Bereitschaftserklärung ausdruckt und auf

    postalischem Weg zurückschickt. Es gibt keine Garantie, dass die Hinweise überhaupt beachtet

    werden.

Wir raten allen Männern auf der Bereitschaftserklärung kein Interesse an einem freiwilligen Wehrdienst anzukreuzen, den Fragebogen auszudrucken und auf postalischem Weg zurückzuschicken.

Klar ist unser Aufruf jetzt den Kriegsdienst pro-aktiv zu verweigern, zumal gegenwärtig kein Zivildienst geleistet werden muss. Die vorübergehende Aussetzung der Musterung von Kriegsdienstverweigerern muss eine Dauerlösung werden. Wir warten erst einmal ab, ob diese Interimslösung überhaupt angewendet wird.

Bei den Freiwilligendienste fällt die Ungleichbehandlung zu den Freiwillig Wehrdienstleistenden besonders auf. Die Bezahlung der Freiwilligen mit 350-400 Euro monatlich zeigt einmal mehr die geringe Wertschätzung der Bundesregierung diesen Menschen gegenüber. Sie werden quasi mit einem ‚Taschengeld‘ abgespeist, während die Freiwilligen bei der Bundeswehr viele Vorteile

erhalten. Gleichbehandlung würde bedeuten, dass auch die Personen der Freiwilligendienste monatlich 2.600€ brutto und dieselben Vergünstigungen wie Freiwillig Wehrdienstleistende erhalten.

Die Jugend reagiert und wehrt sich gegen den neuen Wehrdienst. Der Schulstreik gegen die Wiedereinführung einer Wehrpflicht am 5. Dezember in über 100 Städten macht Mut und gibt Hoffnung, dass die Wiedereinführung der Wehrpflicht an der mangelnden Bereitschaft der Jugendlichen zum Wehrdienst scheitert.

Dies ist eine erste vorläufige Analyse zur neuen Gesetzgebung. Einiges ist noch offen und hier muss die Praxis der ersten Monate 2026 abgewartet werden. Wir werden fortlaufend informieren.

Klaus Pfisterer, 12.12.2025

15 Dezember, 2025

Rundbrief 3–4/2025 des Bundes für Soziale Verteidigung

Der aktuelle Rundbrief des Bundes für Soziale Verteidigung (BSV) versammelt eine Vielzahl kluger, ermutigender und dringend notwendiger Beiträge zur Frage, wie Demokratie, Menschenrechte und gesellschaftlicher Zusammenhalt ohne Militarisierung verteidigt werden können. Thematisiert werden unter anderem Schutzansätze in Zeiten autoritärer Bedrohungen, feministische Perspektiven auf Soziale Verteidigung, Analysen zu schleichender Faschisierung sowie praktische Argumente und Strategien gegen Militarisierung in Politik, Alltag und Debatten  .

Weitere Artikel befassen sich mit Diversität als Stärke sozialer Bewegungen, historischen und aktuellen Beispielen gewaltfreien Widerstands, der Notwendigkeit einer erneuerten Friedensbewegung angesichts atomarer Bedrohungen sowie mit konkreten Projekten wie LOVE-Storm zum Umgang mit Hass im Netz. Abgerundet wird der Rundbrief durch Einblicke in Fachgespräche, Veranstaltungen und die geplante BSV-Jahrestagung 2026.

Als Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner*innen Baden-Württemberg geben wir die Informationen des BSV sehr gerne weiter. Wir schätzen seine Arbeit außerordentlich: Sie steht für progressives, solidarisches und realitätsnahes Denken jenseits militärischer Logik – genau jene Art von Friedenskompetenz, die in politischen Entscheidungsprozessen viel stärker berücksichtigt werden müsste. Man könnte sich gut vorstellen, dass eine Bundesregierung, die es ernst meint mit Frieden, den BSV als Berater für zivile Sicherheit und Konfliktbearbeitung heranzieht.

Auch wenn das vorerst Wunschdenken bleiben mag: Für unsere Mitglieder und alle Antimilitarist*innen ist dieser Rundbrief eine klare Empfehlung – informativ, mutmachend und ein wichtiger Beitrag auf dem Weg zu einer friedlicheren Gesellschaft.

Hier gehts zum Rundbrief 3-4/2025 des Bund für soziale Verteidigung. Gutes Lesen!

18 November, 2025

EKD-Friedensdenkschrift 2025 – Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick

Ein Kommentar unseres Mitglieds Theodor Ziegler aus christlich-pazifistischer Sicht

  1. Anliegen

Die EKD möchte, so die Ratsvorsitzende Bischöfin Kirsten Fehrs, mit dieser Denkschrift die friedensethische Urteilsfähigkeit stärken. Das in der letzten Friedensdenkschrift aus dem Jahr 2007 ausgeführte Leitbild des Gerechten Friedens solle aktualisiert und konkretisiert werden. Das biblisch-theologische Zeugnis solle mit den gegenwärtigen Erfahrungen und der interdisziplinären friedensethischen Expertise in Zusammenhang gebracht werden. Die zentralen Themen, für die Orientierung gegeben werden solle, seien „friedensethische Güterabwägungen in Bezug auf konventionelle und nukleare Abschreckung, um Waffenlieferungen, um Wehr- und Dienstpflicht, um die Herausforderungen hybrider Kriegsführung und Terrorismus“. (S. 5, 6)

Kritik: Die interdisziplinäre Expertise wurde offenkundig nur teilweise eingeholt. Auch fehlt die wichtige Frage nach Alternativen zur militärischen Friedenssicherung und die Einbeziehung der vorhandenen Forschung zu gewaltfreier, ziviler Konfliktaustragung. Der Verteidigungskrieg – konventionell und atomar (wobei man hier meint, sich nur auf den Atomwaffenbesitz zur Abschreckung beschränken zu können) (Zif. 145) wird nicht kategorisch ausgeschlossenen, sondern einer friedensethischen Güterabwägung anheimgestellt. Ebenso wenig berücksichtigt werden die mangelnde Zielführung militärischer Auslandseinsätze der Bundeswehr sowie das damit verbundene menschliche Leid bei der betroffenen Zivilbevölkerung, aber auch bei den eingesetzten Soldaten (PTBS). Auch wäre angesichts der aktuellen Aufrüstungspolitik eine Reflexion des in diesem Jahr 80 Jahre alten Stuttgarter Schuldbekenntnisses zum kirchlichen Versagen im Hitlerreich und Zweiten Weltkrieg angezeigt gewesen.

2. Vorgehen

Nach dem „überhasteten Ende“ des Afghanistankriegs und dem Beginn des russischen Eroberungskrieg in der Ukraine habe der Rat der EKD im September 2022 die Weiterentwicklung seiner friedensethischen Position beschlossen. Vier Konsultationstagungen in Evangelischen Akademien sollten „den Aktualisierungsbedarf der bisherigen Friedensethik vermessen“. Das friedensethische Redaktionsteam des Kammernetzwerkes habe dann den erarbeiteten Text mit der von Landesbischof Friedrich Kramer, dem Friedensbeauftragten des Rates der EKD, geleiteten Friedenwerkstatt, bestehend aus Fachleuten verschiedener friedensethischer Arbeitsfelder „ausgiebig diskutiert“. Das überarbeitete Konzept habe der Rat der EKD „mit großer Zustimmung aufgenommen“ und mit obigem Titel zu veröffentlichen. (S.7)

Kritik: Nachdem es der christlich-pazifistische Ansatz (Friedenslogik, Szenario Sicherheit-neu-denken. Von der militärischen zur zivilen Sicherheitspolitik.) auf der letzten EKD-Friedenssynode 2019 in Dresden nur ins vorbereitende Lesebuch geschafft hatte, initiierte ich als am friedensethischen Prozess der badischen Landeskirche Beteiligter im November 2022 eine Videokonferenzgruppe von über dreißig ausgewiesenen Expertinnen und Experten mit einer christlich-pazifistischen Haltung aus ganz Deutschland mit dem Ziel einer Eingabe an die EKD, die Denkschrift von 2007 weiterzuentwickeln: Die Gewaltfreiheit sollte im Blick auf die biblische Friedensbotschaft und die Menschenrechte nicht nur die vorrangige, sondern die einzige Option sein. Infolgedessen sollte die EKD auf die ultima ratio militärischer Gewalt generell verzichten und sich tatkräftig für den Aufbau einer zivilen Sicherheitspolitik engagieren. Die vom EKD-Friedensbeauftragten gegebene Zusage, unsere Initiative in den Konsultationsprozess einzubeziehen, wurde leider nicht realisiert. Auf mein Insistieren bei der dritten Akademietagung in Bad Boll hin, konnte die Initiative Sicherheit neu denken (SND) auf der vierten Tagung in Loccum, bei der es um Zivile Friedensdienste gehen sollte, wenigstens neben schon drei bestehenden Workshops an einem Nachmittag noch einen vierten anbieten.

3. Fragwürdige evangelische Friedensethik – Beispiele

Kirsten Fehrs betont, neben der „bleibenden, prinzipiellen Orientierung evangelischer Friedensethik an Jesus Predigt der Gewaltfreiheit“, würden die vier Dimensionen, Schutz vor Gewalt, Förderung von Freiheit, Abbau von Ungleichheiten sowie der friedensfördernde Umgang mit Pluralität, neu profiliert. „Neu akzentuiert“ sei „das Zusammendenken von Friedensethik und Sicherheitspolitik“ . (S. 8)

Kritik: Mit dieser Formulierung von der „prinzipiellen Orientierung“ ist der Abweichung vom Prinzip hin zur Bejahung der Notwendigkeit militärischer Gewalt unter bestimmten Bedingungen weiterhin Tür und Tor geöffnet. Insbesondere dann, wenn man der Auffassung ist, zum Schutz vor Gewalt militärischer Gewalt zu bedürfen. Solange der Schutz vor Gewalt nicht mit der Erkenntnis einhergeht, dass das Leben jedes Menschen das höchste Gut ist und deshalb auch der Verteidigungskrieg nicht zielführend sein kann, wird die proklamierte „evangelische Friedensethik“ ihrem geistlichen, auf Jesus Christus bezogenen Anspruch nicht gerecht. Nimmt man die biblische Friedensspur des alten und des neuen Testaments ernst, hätte es einer fünften Friedensdimension bedurft: der Bemühung um Alternativen zur militärischen Friedenssicherung. Dass dies im vorhergehenden Konsultationsprozess so gut wie keine Rolle gespielt hatte, zeigt sich nun auch in der vorliegenden Denkschrift.

An dieser Stelle sei ein Blick auf die Zusammensetzung der 14-köpfigen Redaktionsgruppe gestattet. Die eine Hälfte der Personen ist mir durch Tagungen bekannt, bei der anderen Hälfte habe ich recherchiert. Ihre friedensethischen Positionen sind entweder militärbefürwortend (teils mit beruflichen Bezügen zur Bundeswehr) oder indifferent. Eine Persönlichkeit mit einer christlich-pazifistischen Haltung konnte ich bislang nicht entdecken – wobei ich mich gerne vom Gegenteil überzeugen lasse. In dieser Hinsicht gibt es zur Denkschrift von 2007 keinen Unterschied. Von der EKD als Volkskirche wäre jedoch zu erwarten gewesen, bei einem so strittigen Sachverhalt (gleich dem „Beutelsbacher Konsens“ für die Bildungsarbeit) auch die andere Position, dies sich nicht nur „prinzipiell“ auf Jesu Friedensethik bezieht, sondern sich konsequent bemüht, diese in die Aktualität einzubringen, an den Konsultationen und in der Redaktionsgruppe zu beteiligen. Das hätte möglicherweise zu einigen Dissens-Kapiteln geführt, die jedoch die in der EKD vorhandenen Überzeugungsunterschiede besser wiedergegeben hätten. Dass das der Goldenen Regel Jesu (Mt 7,12) entsprechende Konzept der Friedenslogik nur in apologetischer Absicht Erwähnung findet (S.13), ebenso das diese in eine politische Strategie umsetzende Szenario Sicherheit neu denken, lässt bestimmte Vorfestlegungen in der Autorenschaft oder deren Auftraggeberin vermuten.

Demzufolge werden die Begriffe „Verteidigung“ und „Sicherheitspolitik“ im Wesentlichen militärisch gedacht.

Der geistliche Schluss des Vorwortes (S. 10), vom „Glauben an den Gott des Friedens“ getragen zu sein, und „eine verantwortbare evangelische Friedensethik unter den Frieden Gottes zu stellen“ sowie „an einer Überwindung aller Gewalt zu arbeiten“ wie auch die theologischen Aussagen zu Beginn und am Schluss der Erörterungen, stehen in einem starken Gegensatz zu einigen mit dieser Denkschrift in Erwägung gezogenen Optionen.

Diese die ganze Denkschrift durchziehende Widersprüchlichkeit wird schon in der ersten Kernaussage (S. 13) ersichtlich:

„Angesichts der Grausamkeit von Tod, Vergewaltigung, Verletzung und Traumatisierung durch bewaffnete Konflikte“ müsse der Schutz vor Gewalt im Zentrum der politischen, zivilgesellschaftlichen und kirchlichen Bemühungen stehen.

Kritik: So weit ist die Aussage plausibel und begrüßenswert. Wenn dann jedoch der Schutz vor Gewalt an die Garantie der territorialen Integrität eines Landes gekoppelt wird und diese mit dem „maßvollen Ausbau“ der militärischen Kapazitäten verknüpft wird, ist zu fragen, wie man mittels dieses Zirkelschlusses die Kriegsgefahr wirklich abbauen möchte. Befremdlich ist auch die komplementäre Zuordnung von militärischer Sicherheitspolitik und Friedenslogik. Das gleichnamige politologische Konzept1 scheint hier nicht verstanden worden zu sein.

Nachfolgend seien noch ein paar Beispiele für die Spannung zwischen theologischen Erkenntnissen und der daraus gefolgerten Ethik benannt:

„Den Frieden, für den Christus steht, kann der Mensch nicht aus eigener Kraft schaffen. … Friede bleibt Gabe Gottes, sein Gelingen liegt letztlich in Gottes Hand.“ (Zif. 5)

„Im Gebet des Vaterunsers kann die Kraft entstehen, sich dem Willen Gottes zu unterordnen.“ (Zif. 9)

Kritik: Einverstanden, wir Menschen können auch mit gewaltfreien Strategien keine absoluten Lösungen erreichen. Es jedoch von vornherein nicht ernsthaft zu versuchen, erinnert an Jesu Gleichnis von den anvertrauten Talenten, bei dem ein Beauftragter das anvertraute Kapital vergräbt (Mt 25, 14 ff). Die Reden Jesu ermutigen zum Handeln in aller Bescheidenheit. Wenn wir bitten, „dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden, “ dann kommt es zunächst darauf an, den Willen Gottes von der sogar den Feind einschließenden Nächstenliebe, ernsthaft versuchen zu erfüllen.

Zum Ausdruck kommt diese widersprüchliche Friedenshaltung auch in Zif. 11, wo an den Noachitischen Friedensbund Gottes erinnert wird, an den Auftrag, dem Frieden nachzujagen (Hebr. 12,14) und als Botschafter Christi für die Versöhnung zu wirken (2.Kor. 5,20).

Im nachfolgenden Absatz (Zif. 12) werden jedoch für den Notfall „Zwangsmaßnahmen“ als erforderlich erklärt. Die ethisch sehr bedeutsame Unterscheidung zwischen persönlicher Notwehr bzw. Nothilfe und staatlicher militärischer Verteidigung oder Nothilfe, zwischen polizeilichen und militärischen Zwangsmaßnahmen unterbleibt. (Zif.14)

Pazifistischen Initiativen wie dem Konziliaren Prozess, den ökumenischen Versammlungen, der Initiative Sicherheit-neu-denken wird lediglich die Rolle als „politische Impulsgeber“ zugutegehalten, die zur „sensiblen Wahrnehmung latenter und offener Militarisierungsprozesse in unserer Gesellschaft“ aufforderten. (Ziff. 14-16) Im Fortgang der weiteren Erörterungen scheint dies jedoch keine Beachtung mehr zu finden.

„Als universale politische Ethik lässt sich der Pazifismus des kategorischen Gewaltverzichts ethisch nicht legitimieren.“ Es wird kritisiert, dass die von pazifistischer Seite vorgebrachten Beispiele für erfolgreiche gewaltfreie Widerstandsaktionen sich nicht auf die Abwehr einer Besatzungsmacht und zur Verteidigung von Staatsgrenzen übertragen ließen. (Zif. 17).

„Gewalt muss – notfalls mit Gegengewalt eingedämmt werden, ohne aber das Ziel der Überwindung von Gewalt aus den Augen zu verlieren.“ (Zif. 18)

Kritik: Man stelle sich diese Aussagen in Bezug auf die Ablehnung des Verbots der Sklaverei oder der Todesstrafe vor. Es gibt deren kategorische Verbote, zumindest in einigen demokratischen Staaten. Krieg bedeutet jedoch, durch den damit verbundenen Militärzwang und die Tötung von Menschenmassen, eine Potenzierung von Sklaverei und Todesstrafe in unvorstellbarem Maße, weshalb bei der ablehnenden Bewertung „militärischer Zwangsmaßnahmen“ mindestens ebenso kategorisch geurteilt werden kann und muss.

Dass die Empirie gewaltfreier Verteidigung von Staaten bislang nicht vorhanden ist, erklärt sich schlicht damit, dass fast alle Staaten dieser Welt eine Armee haben. In den ersten vier Monaten des russischen Angriffskriegs wurden jedoch über 200 Beispiele gewaltfreien Widerstands durch die Bewohner von Ortschaften, der Bürgermeister oft vornedran, dokumentiert. 2 Dieser spontane zivile Widerstand wurde dann jedoch doch durch den von der ukrainischen Zentralregierung angeordneten Verteidigungskrieg weggedrängt.

Bei einer friedensethischen Beurteilung hätte nunmehr zwischen dem Leid durch ein Besatzungsregime einerseits (Verlust der Souveränität und Demokratie) und dem hunderttausendfachen Tod von Menschen, hunderttausendfacher Verstümmelung, seelischer Traumatisierung, der enormen Zerstörungen von Häusern, Infrastruktur, Verminung landwirtschaftlicher Flächen, Vergiftung von Böden und Grundwasser usw. andererseits abgewogen werden müssen (vgl. 1. Kön 3,16 ff). All das wurde in der Denkschrift nicht bedacht, die Suche nach dem kleineren Übel unterblieb.

Ganz außer Acht lässt die Denkschrift die Vorgeschichte des Ukrainekriegs. Sie ist nicht nur mit Putinschen Großmachtsplänen zu begründen, sondern auch mit den Denkspielen der Heritage Foundation in Washington über die globale US-Vormachtstellung und die Einhegung Russland. Des Weiteren mit der absprachewidrigen Nato-Osterweiterung und mit der Mittelstreckenraketenstationierung Obamas nahe der Grenzen Russlands in Polen und Rumänien, was den Konflikt weiter anheizte.

„Zivile Konfliktbearbeitung besitzt grundsätzlich Vorrang vor militärischen Mitteln.“ (Zif. 33)

Kritik: Diese schon in früheren Denkschriften formulierte Vorrangsbekundung beinhaltet automatisch den Nachrang, der in der Wirklichkeit von Staat und Kirche faktisch den Vorrang darstellt. Betrachtet man die personellen und finanziellen Gewichtungen, wird das anhaltende Desinteresse an der dringend notwendigen Entwicklung einer zivilen Sicherheitspolitik belegt. Vom Vorrang zu sprechen und den Nachrang militärischer Rüstung bis hin zu Atomwaffen (Zif. 145) und zum Präventivkrieg (Zif. 147) zwar unter vielen Vorbehalten, aber schlussendlich doch zu billigen, ist nicht glaubwürdig. Erst mit der Entscheidung für den Aufbau einer zivilen Sicherheitspolitik und dem damit korrespondierenden Abbau des Militärs, könnte man zu Recht von einer sicherheitspolitischen Zeitenwende sprechen. Was seit Olaf Scholz‘ Äußerung im Deutschen Bundestag in Gang gesetzt wurde und durch diese Denkschrift auch noch kirchlich kräftig unterstützt wird, ist leider eine Wende rückwärts.

Der Großteil der Denkschrift widmet sich nun den Details der aktuellen militärpolitischen Debatte zur Schließung militärischer „Fähigkeitslücken“ , zu den Waffenlieferungen in Kriegsgebiete, der hybriden Kriegsführung, dem Rüsten im Weltall, der Frage der Wehr- und allgemeinen Dienstpflicht bis hin zur Notwendigkeit atomarer Abschreckung. In all diesen Fragen wird abgewogen, werden Bedenken geäußert und Kriterien benannt – jedoch die grundsätzliche Ablehnung der militärischen Friedenssicherung leider nicht erwogen.

Würde man im Sinne des Schöpfungsglaubens und der von Jesus gelehrten universellen Nächstenliebe die in der Denkschrift häufig betonte Schutzpflicht über die eigene Nation und das eigene Militärbündnis hinaus auf alle Menschen ausdehnen, verböte sich das Festhalten an militärischen Mitteln zur Friedenssicherung. Denkbar für die Bekämpfung internationaler Kriminalität und Terror wäre neben dem Ursachenabbau durch eine faire Weltwirtschaft die Bildung internationaler Polizeien auf weltregionalen Ebenen als Restgewalt.3

Wenn wiederholt auf die Einhegung der friedensgefährdenden „destruktiven Mächte“ in der erlösungsbedürftigen Welt hingewiesen (z.B. in Zif 187) und dabei die Destruktivität der westlichen Welt und Nato-Staaten nicht auch selbstkritisch klar benannt wird, kann die evangelische Friedensethik weiterhin ihrem friedensstiftenden (= pazifistischen) Auftrag durch Jesus (Mt 5,9) nicht gerecht werden.

4. Schlussbemerkungen

a. Schreibstil

Die Ausdrucksweise, der Gebrauch von Fremdwörtern und Fachbegriffen ohne Erläuterungen erweist die Denkschrift als für nichtakademische Gemeindeglieder bzw. gar Wehrpflichtige schwer verständlich. In einer Volkskirche sollte allgemeinverständlich formuliert werden.

b. Folgerung aus der offenkundigen Einseitigkeit

Wenn die EKD dem eigenen Dialoganspruch mit pazifistischen evangelischen Christen bislang nur in sehr begrenztem Maße und auch nur außerhalb der Denkschriftabfassung gerecht wird, könnten sich die bislang „Ausgegrenzten“ , möglicherweise in ökumenischer Verbundenheit, an die Erstellung einer alternativen Friedensdenkschrift im Geiste der biblischen Friedensbotschaft machen. Vielleicht käme es dadurch zu dem notwendigen Dialog in Kirche und Gesellschaft. Es wäre zu hoffen.

Autor: Dr. phil. Theodor Ziegler, Religionspädagoge, Baiersbronn/Schwarzwald

1siehe: Birckenbach, Hanne-Margret (2023) Friedenslogik verstehen, Wochenschauverlag Frankfurt

2 Felip Daza Sierra (2022) Ukrainischer Ziviler Widerstand im Angesicht des Krieges https://www.sicherheitneudenken.de/media/download/variant/306812/ukraine-gewaltfreier-ziviler-widerstand-study-deutsche-fassung-november-2022-de.pdf

3Harmsen u.a. (2023) Weltinnenpolitik und internationale Polizei https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/themen-entdecken/literatur-sprach-und-kulturwissenschaften/interdisziplinaere-geisteswissenschaft/57967/weltinnenpolitik-und-internationale-polizei?c=1747

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